König Fußball

27. Juni 2011

König Fußball
© Alfons Pillach

Fußball ist nicht nur ein Wort,
Fußball ist auch nicht nur Sport.
Fußball ist in seinem Wesen
stets ein Phänomen gewesen,
denn ein aufgepumpter Ball
sorgt im Volk für Widerhall:
Bei den Jungen und den Alten
eint der Fußball und kann spalten.

Fußball ist so allerlei,
Folgendes ist auch dabei:
Fußball ist, wenn Spieler rennen,
manchmal Fans wie Kinder flennen,
weil der Ball, das blöde Ding,
in den falschen Kasten ging.
Fußball, das ist großer Trubel
und natürlich Siegesjubel.
Fußball bringt für Millionen
aufgewühlte Emotionen.
Fußball ist, wenn Trainer fluchen
und die Schuld beim Schiri suchen.
Fußball ist, wenn Knochen krachen
und die Fans „la ola“ machen.

Fußball ist auch medial,
fürs TV sehr genial,
denn die Übertragung bringt
Quoten, dass die Kasse klingt.
Fußball ist zu jeder Zeit
eben nicht nur Sportlichkeit.
Fußball hat so viel Facetten:
Auch getürkte Fußballwetten!

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Karottenbande

17. September 2010

Die Karottenbande
© Silvia Friedrich

Luise hat rote Haare. Die Kinder lachen deswegen und rufen oft „Karotte“ hinter ihr her.
Luise macht das sehr wütend. Sie schimpft und schreit und rennt und will dann am liebsten ganz schnell vom Kindergarten nach Hause. Luises Mutter versucht sie damit zu trösten, dass alle Menschen eben verschieden sind. Dass sie auf ihre roten Haare stolz sein sollte, denn die hat nicht jeder. Luise tröstet das nicht. Sie wünscht sich, dass ihre Haare schwarz sind oder blond, wie bei den anderen Kindern. Ihr Freund Mohammed ist mit seinen Eltern aus einem weit entfernten Land hergekommen. Woher genau, weiß Luise nicht. Aber sie findet Mohammed toll, weil er Kunststückchen mit einem Ball machen kann. Er will natürlich Fußballer werden, was sonst!
Die Kinder im Kindergarten sind nicht nett zu Mohammed, weil er nicht so gut Deutsch spricht wie sie. Und in seiner Sprache verstehen sie erst recht nichts.
Luise und Mohammed spielen jetzt immer zusammen.
Sie gründen eine Bande, die Karottenbande. Obwohl sie nicht so genau wissen, was eine Bande den ganzen Tag tun muss.
„Böse sein“, sagt Mohammed.
„Böse sein ist gut“, sagt Luise. „Eine liebe Bande, die gibt es bestimmt gar nicht.“
„Und kämpfen!“, ruft Mohammed.
„Ja“, meint Luise, „aber nicht den ganzen Tag!“
Mohammed ist wütend auf die anderen, weil sie ihn nicht mitspielen lassen beim Fußball. Sie überlegen beide den ganzen Vormittag, ob die Karottenbande da nicht was tun könnte.
Am nächsten Tag hat sich Luise ein neues Spiel ausgedacht.
Ein Geheimspiel. Genauer gesagt: eine Geheimsprache.
So können Mohammed und sie geheimste Karottenbanden-Geheimnisse austauschen und keiner weiß, was es bedeutet.
„Wir sagen einfach Stuhl, wenn wir den Tisch meinen“, sagt Luise.
Mohammed versteht: „Ja, und wenn wir Tisch sagen, meinen wir Stuhl.“
Luise ist erstaunt: „Toll, Mohammed. Jetzt denken wir uns noch andere Wörter aus und vertauschen sie.“
Beide sind emsig bei der Sache. Mohammed zeigt auf den Schrank und Luise sagt „Sofa“. Er zeigt auf das Bilderbuch und Luise sagt „Haus“. Der Teddy ist jetzt ein Eimer und die Puppe ein Blumentopf.
„Bring mir das Haus“, sagt Luise zu ihrem Freund und Mohammed holt das Bilderbuch. Beide müssen lachen.
„Stell den Eimer in das Sofa“, flüstert Mohammed Luise zu. Sie kichern.
„Leg das Haus auf den Stuhl“, prustet Luise los.
Beide können sich vor Lachen kaum halten. Die anderen Kinder sind neugierig geworden und kommen näher. Warum lachen die so?
„Hol mir ein Haus aus dem Sofa“, lacht Luise und Mohammed liegt schon flach auf dem Fußboden, weil er so kichern muss.
„Können wir mitspielen?“, drängeln die anderen.
Luise steht auf und wird ernst: „Nein. Diesmal wollen wir mit euch auch nicht spielen.“
„Und wenn wir euch nie mehr ärgern? Und Mohammed bestimmt immer beim Fußball mitspielen darf? Dürfen wir dann bei euerm Geheimspiel mitspielen?“
Luise guckt ihren Freund an. Der nickt.
„Also gut“, sagt Luise „dann werden wir euch jetzt unser Geheimsprachenspiel erklären.“
„Gemeinsam können wir uns noch viel mehr witzige Spiele ausdenken“, finden nun auch alle anderen.
„Ja, denn jeder hat verschiedene Ideen“, meint Luise.
„Wir könnten uns von jetzt ab „Die Gemüsebande“ nennen, weil wir alle verschieden sind!“, ruft Mohammed.
„Einverstanden!“, kichern die anderen und die Kinder überlegen noch lange, welches Gemüse ihnen denn nun am meisten ähnlich sieht. Dass sie dabei ganz viel gelacht haben, ist doch klar, oder?

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Deutschland Sommermärchen

30. Juni 2010

Deutschland, ein Sommermärchen
© Alfons Pillach

Fußball ist auf jeden Fall
mehr als nur ein Spiel mit Ball.
Er berauscht des Volkes Massen,
jeden Alters, aller Klassen.

Viele schwarz-rot-goldne Fahnen
ziehen stolz jetzt ihre Bahnen.
Selbst manch Spießer sitzt im Sessel
und tobt mit dem Hexenkessel.

„Public viewing“ ist jetzt Kult,
wobei man ein Bierchen schnullt.
Dort besiegt man manches Bier,
eines, zwei, vielleicht auch vier.

Wieder ist, nach nur vier Jährchen,
deutsches Land im Sommermärchen,
und im Schein der Fußballsterne
träumen wir den Traum so gerne.

Und im Lande von Mandela
dröhnt so laut die Vuvuzela.
Ein Gebrumme und Gelärme,
so als flögen Bienenschwärme!

Hoffen wir, wenn Deutschland spielt,
dass das Team den Sieg erzielt.
Hoffen wir, dass keiner patzt
und dass auch der Ball nicht platzt.

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Vuvuzela-Gedicht

24. Juni 2010

Die verträumte Vuvuzela
© Günter J. Matthia

Es träumt eine Vuvuzela,
sie läge bei Uwe Seeler
zu Hause im Schrank,
gleich neben der Bank.
Das hält sie für einen Fehler.

Sie möchte viel lieber tröten,
noch lauter als alle Kröten,
die unten am Teich
quaken zugleich.
Sie findet sich in großen Nöten.

Kein Mensch will sie nehmen und blasen,
so lange bis springen die Vasen
in tausend Stücke.
Mit List und Tücke
hofft sie auf neugierige Nasen

die in den Schrank sich strecken,
und die Vuvuzela entdecken
in ihrem Versteck.
Am einsamen Fleck.
Irgendwer muss sie doch wecken?

Der Uwe Seeler indessen
hat leider völlig vergessen
wohin er sie tat,
auf ärztlichen Rat,
der hatte den Ohrdruck gemessen.

Der Traum dieser Vuvuzela
vom Schrank im Haus von Herrn Seeler
geht jäh zuende.
Es packen zwei Hände
die Tröte und das ist ein Fehler.

Denn kaum schmiegen Lippen sich oben
an ihr Mundstück um sie zu erproben
kommt vom Himmel herab
ein Blitz. Ab ins Grab
mit dem Tröter. Den Himmel wir loben.

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Vuvuzelas

17. Juni 2010

Vuvuzelas
(WM – Südafrika 2010)

© Heidrun Gemähling

Gnadenlos trötet
es aus der Masse,
sie findet es toll,
so superklasse,

oben und unten,
auch von der Seite,
manch einer sucht schon
sogar das Weite,

doch nur wohin soll
dieser denn gehen,
die Vuvuzelas
überall stehen,

begeisterte Fans
tröten immerzu,
wie Hornissen im
geschlossenen Schuh,

das Stadion tobt,
Hopsen und Tanzen,
keinem gelingt es,
sich zu verschanzen,

ein buntes Treiben,
gespannte Euphorie,
Menschen bedröhnen,
in der Art – noch nie,

so ist es der Brauch,
tröten und tröten,
die Vuvuzelas,
zum Nerv ertöten.

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WM-Tipp

6. Juni 2010

Fußball – Weltmeisterschaft – Südafrika – Fußballweltmeisterschaft – Tipp – WM-Tipp – WM – WM 2010 – Vorrunde – Vorrundentipp – Fußballspiele – Weltmeister – Fußballfieber – Fußballgeschichten – Fußball-Blog – WM-Gewinnspiel – Achtelfinale – Viertelfinale – Halbfinale – Endspiel


WM-Tipp – WM-Gewinnspiel


Nur noch ein paar Tage, dann ist es so weit: Am 11. Juni 2010 startet die Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika.

Früher war ich mal ein richtiger Fußballfan, aber seit etlichen Jahren interessiere ich mich so gut wie gar nicht mehr für Fußball. Eine Ausnahme bilden die Fußball-Europameisterschaften und die Fußball-Weltmeisterschaften, die ich mit einigem Interesse verfolge. Das heißt also: Alle zwei Jahre schaue ich mir ein paar Fußballspiele an.

Obgleich ich keine Ahnung über die aktuelle Fußballszene und die Spielstärke der einzelnen Mannschaften habe, wage ich mal einen WM-Tipp. Und diesen Tipp verbinde ich mit einem kleinen WM-Gewinnspiel. Was es zu gewinnen gibt, steht am Ende dieses Beitrags.

Die Spielregeln sind ganz einfach.
Es gibt Vorrunden-, Achtelfinal-, Viertelfinal-, Halbfinal- und Abschlusstipps. In jeder Tipp-Runde können Punkte gesammelt werden. Sieger ist, wer über alle Runden hinweg die meisten Punkte erreicht hat.

Wir starten logischerweise mit den
Vorrunden-Tipps

Die Aufgabe: Für jede Spielgruppe ist anzugeben, welche zwei Mannschaften das Achtelfinale erreichen, dabei spielt es keine Rolle, wer Gruppen-Erster und wer Gruppen-Zweiter wird. Für jede richtige Vorhersage gibt es einen Punkt.
Technischer Hinweis für Blog-Neulinge: Am Ende des Beitrags auf „Kommentar“ klicken, Tipp in das Eingabefenster eintragen und absenden.
Redaktionsschluss für diese Tipp-Runde ist der 10. Juni 2010, 24 Uhr.

Gruppe A
Südafrika, Mexiko, Uruguay und Frankreich.

Gruppe B
Argentinien, Nigeria, Südkorea, Griechenland

Gruppe C
England, USA, Algerien, Slowenien

Gruppe D
Deutschland, Australien, Serbien, Ghana

Gruppe E
Niederlande, Dänemark, Japan, Kamerun

Gruppe F
Italien, Paraguay, Neuseeland, Slowakei

Gruppe G
Brasilien, Nordkorea, Portugal, Elfenbeinküste

Gruppe H
Spanien, Schweiz, Honduras, Chile

Nach Abschluss der Vorrunde kommen die Achtelfinal-Tipps,
nach Beendigung des Achtelfinals kommen die Viertelfinal-Tipps,
dann die Halbfinaltipps
und dann die Abschluss-Tipps.

Wenn sich mindestens 10 Leute an diesem WM-Tipp-Spiel beteiligen, erhält der Sieger zwei Bücher eigener Wahl aus unserem Verlag und der Zweitplatzierte erhält ein Buch eigener Wahl aus unserem Verlag.


Und das sind meine eigenen Tipps:
Gruppe A: Frankreich und Südafrika
Gruppe B: Argentinien, Nigeria
Gruppe C: England, USA
Gruppe D: Deutschland, Ghana
Gruppe E: Niederlande, Dänemark
Gruppe F: Italien, Slowakei
Gruppe G: Brasilien, Portugal
Gruppe H: Spanien, Schweiz

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Berliner Mauerjungs

26. Mai 2010

Fußball – Fußballgeschichte – Ball – Berliner Mauer – Mauerfall – Mauerbau – Grenze – Mauerstücke – Mauergeschichte – Kurzgeschichte – Berlin – Großziethen – Trabi – Wartburg – Auto Union – Spielplatz – Bunker – Mutprobe – Berliner Mauerjungs


Berliner Mauerjungs
© Thomas Gohlke

Weil ich Hummeln im Arsch hatte, sprang ich am Frühstückstisch hin und her. Kasperte, alberte herum, machte Faxen und zog Grimassen, bis endlich alle lachten. Stieß mit meinem Ellenbogen den Becher mit dem heißen Kakao um und die Brühe lief mir über den nackten Oberschenkel. Gleichzeitig knallte es von rechts, denn ich fing mir eine Backpfeife meiner Mutter ein.
Ich schrie. Wusste nicht warum, ob wegen der Schelle oder wegen der Schmerzen auf dem Oberschenkel. Egal, ich schrie! Wie der Blitz sprang ich auf und rannte aus dem Haus über den Hof in unseren Garten.
Langsam ließ der Schmerz nach und meine Tränen trockneten. Ich suchte Trost bei meinem Kater, dem ich alles erzählen konnte. Er war grau-schwarz getigert und ich nannte ihn Dicker, weil er so dick war.
Mich nannte man Moppel, weil ich ebenfalls dick war.
Am Ende des Gartens stand ein roter Zaun und dahinter war ein weites Feld. Ich öffnete das Tor, um auf dem Feld mit meinem Kater zu spielen. Doch der Dicke büchste gleich aus und jagte Millionen fetter Mäuse. Ich ging zurück, holte meinen bunten Gummiball und spielte Fußball. Später kamen auch meine beiden älteren Brüder, um auf dem Feld Fußball zu spielen.
Dort versammelten sich die Kumpels aus der Umgebung. Sie wählten zwei Mannschaften, steckten zwei Tore ab, warfen die Lederülle in die Mitte und knödelten frei drauf los. Mich ließen sie links liegen. Ich war erstens zu dick, zweitens zu langsam und drittens viel zu jung.
So kickte ich den Ball vor mir her, gedankenlos, verträumt, nicht bei der Sache.
Bis mein schöner Ball mitten in den Grenzzaun flog.
Denn, was ich noch nicht erwähnte: an das Feld grenzte ein riesiger Stacheldrahtzaun. Ich rannte in das Stacheldrahtgewirr und versuchte meinen Ball herauszupopeln. Ich sah voller Entsetzen, wie das bunte Rund immer kleiner wurde. Mein Ball verlor Luft und somit auch sein Leben. Ich kroch in die Drahtfestung und riss mir meinen Oberschenkel auf. Ich starrte auf mein rotes, vom Kakao verbranntes Bein und sah, wie aus einem tiefen Riss das Blut quoll.
Ich humpelte übers Feld wie ein angeschossenes Reh. Am Gartentor empfing mich meine Mutter. Und als hätte ich nicht schon genug durchgemacht, zog sie mich an den Ohren durch den Garten bis in die Küche. Dort wurde ich endlich verarztet.
Anschließend gab es Stubenarrest. Nur zum Mittagessen durfte ich in den Garten, um meine beiden Brüder herbeizurufen.
Nach dem Mittag nahm mich meine Mutter zur Seite und erklärte mir zum wiederholten Male, warum dort im Feld so ein großer Zaun stand und dass ich auf keinen Fall in das andere Land gehen dürfe. Denn von dort käme ich nie wieder nach Hause. Verstanden habe ich es nicht.
Am Abend stand ich am Fenster meines Kinderzimmers, blickte übers Feld zum Grenzzaun und schaute noch weit darüber hinaus. Heute weiß ich, dass auf der anderen Seite Großziethen liegt.
Am nächsten Tag spielte ich wieder auf dem Feld, aber mit respektvollem Abstand zur Grenze. Auf unserem Spielplatz-Feld standen drei Autowracks herum. Ich glaube mich zu erinnern, dass es ein Trabi war, ein Wartburg und ein alter Auto Union. Ich saß gern in einem der Autos und lenkte wild herum, zappelte mit den Füßen und prustete mit dem Mund Motorengeräusche heraus. Ich fuhr dann meist in den Urlaub. Blickte mal nach rechts aus dem Autofenster und sah unser Siedlerhaus mit dem großen Garten. Links sah ich den Bunker, der seit dem Weltkrieg hier stand und den niemand abzuholen schien.
Dort spielten meine beiden älteren Brüder mit ihrer Horde Spielkameraden. Obwohl unsere Eltern uns auch ein Spielverbot für diesen Bereich erteilt hatten, erforschten alle gern das Innere des Betonklotzes. Nur ich durfte nicht mitkommen, weil ich der kleine dicke Moppel war.
Eine Mutprobe müsse ich machen, hieß es immer. Und heute war es so weit. Ich raffte mich zusammen, spazierte durch das hohe Gestrüpp, griff mal links nach unten, dann wieder rechts nach unten, um den auf dem wilden Feld herumliegenden Mut in meine Hosentaschen zu packen. Am Eingang des Bunkers hörte ich tief im Inneren die Stimmen der Großen und sah den Schein einer Taschenlampe. Gleich am Anfang führte eine Steintreppe ins dunkle Nichts.
Mein fünf Jahre älterer Bruder Manni kam nach oben. Er fragte, was ich hier wolle. Ich sagte: „Mitspielen, sonst sage ich Mama und Papa, dass ihr wieder im Bunker seid!“
Manni rief die anderen und sagte ihnen, dass ich vorhätte sie zu verpetzen, wenn ich nicht mit in den Bunker dürfe. Unser Nachbar Peter meinte: „Okay, aber du musst die Mutprobe machen!“ Gemeinsam stiegen wir auf einen Block oberhalb des Bunkers und ich musste von dort auf den kleinen Kiesberg nach unten springen. Es war sehr hoch! Doch wenn ich auch ein Großer werden wollte, musste ich springen. Bei der Landung verspürte ich einen stechenden Schmerz im Oberschenkel. Dort hatte sich eine riesige Scherbe reingebohrt.
Man erzählte mir, dass ich mit der Feuerwehr ins Krankenhaus gebracht wurde, weil ich wie ein angestochenes Schwein blutete. In jenem Sommer musste mein linker Oberschenkel sehr viel leiden und heute noch sieht man die Narbe meiner Mutprobe. Dennoch wurde ich im Kreis der Großen aufgenommen. Nicht weil ich gesprungen bin, sondern weil ich nach einer Vernehmung durch meine Eltern niemanden verraten habe.
Bevor der Sommer ging, passierte noch etwas Merkwürdiges an der Grenze. Die Jungs saßen auf einem Block oben auf dem Bunker und ich stand am Gartenzaun. Mit offenem Mund beobachtete ich das Schauspiel.


… die Fortsetzung dieser Geschichte gibt es in dem Buch

Mauerstücke

Mauerstücke – Erinnerungsgeschichten

Hrsg. Bettina Buske und Patricia Koelle

Vorwort Walter Momper
Geleitwort André Schmitz
Mit Farbfotos der Berliner Mauer
ISBN 978-3-939937-08-1

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Fußballgeschichte

21. Mai 2010

Träume, Wahrheiten, Lichter und Gestalten
© Antonia Stahn

„Wie lange dauert es denn noch? Mir ist schon langweilig!“
Nr. 10 steuert mit ruhiger Hand die winzige Raumkapsel durch das All.
Fasziniert betrachtet der Pilot den kleinen, blauen Planeten. Dort wollen er und sein CO heute landen. Die Wissenschaftler vom Trabanten XX haben diese blau schimmernde Weltkugel erst vor wenigen Tagen entdeckt. Nr. 10 ist stolz. Er darf zusammen mit Nr. 11 diesen neuen Planeten, genannt Erde, als Erster besuchen. Merkwürdige Wesen leben dort. Die Regierung von XX möchte mehr über sie erfahren. Der erste Wissenschaftler hatte auch gleich einen Namen für diese Zweibeiner parat: Menschen! Seltsames Wort. Kegel klingt doch viel hübscher.
„Sei nicht zickig, Nr. 11! Wir sind exakt 4 Minuten und zweiunddreißig Sekunden unterwegs. Da kann einem doch nicht schon langweilig werden! Schau aus dem Fenster! Die vielen Sterne. Sie leuchten heute besonders hell. Und die blaue Kugel, unser Reiseziel, sieht wunderschön aus. Du kannst jetzt alles klar machen zur Landung. In 28 Sekunden sind wir da. Wetten, die vom Nachbar-Planeten XS schaffen es nicht, mit ihren Fahrzeugen 300 Millionen Kilometer in so kurzer Zeit hinter sich zu bringen. Na, ja! Sie haben sich eben sehr viel langsamer als wir entwickelt. Wer fliegt denn heute noch in solchen altmodischen Raumschiffen durchs All?“
Nr. 11 verzieht die schmalen Lippen zu einem kurzen, spöttischen Lächeln. Dann setzt er zur Landung an.
„Ich glaube, das Navigationssystem funktioniert nicht richtig, Nr. 10! Dieser kleine grüne Fleck ist doch nicht unser Ziel!“
Verwundert sehen die zwei sich an. Zögerlich öffnen sie die Tür des gläsernen Raumschiffes, schauen sich ängstlich um.
„Der Zweibeiner ist aber klein. Er sieht auch völlig anders aus, als wir es studiert haben. Auf dem Info-Board wirkte er im Vergleich zu uns riesengroß“, flüstert Nr. 11 aufgeregt.
Beruhigend nimmt Nr.10 seinen Bruder kurz in den Arm. „Sei nicht so nervös. Der kleine Mensch kann uns nicht sehen. Unser Licht ist bei diesem Sonnenwetter noch gar nicht sichtbar. Hören kann er uns nur, wenn wir das wollen. Wir warten bis es dunkel wird. Dann kontaktieren wir ihn. Lass uns die Zeit nutzen, den Kleinen gründlich anzuschauen.
Lernphase II beginnt in diesem Augenblick, Nr. 11!“
Aufmerksam beobachten die fremden Wesen einen etwa acht- bis neunjährigen Jungen.
„Essen ist fertig! Der Vater ist auch schon da. Komm bitte in die Küche, Bub!“
Der Junge legt seinen Ball aus der Hand und geht ins Haus.
„Darf ich nachher noch mit Sepp und den anderen auf der Straße Fußball spielen? Es wird noch lange nicht dunkel, Mama, bitte! Mein Trainer möchte, dass ich jeden Tag übe. Sonst kann aus meinem kleinen Talent kein großes werden, sagt er oft.“
Der Vater streicht dem Jungen über das gewellte, dunkle Haar.
„Einverstanden. Bis 21.00 Uhr! Hast du deinen Peitschenkreisel wieder gefunden? Opa kommt morgen. Sicher fragt er danach. Dein Großvater legt großen Wert auf den pfleglichen Umgang seiner Geschenke. Jetzt iss nicht so hastig! Deine Freunde fangen sicherlich nicht ohne dich an.“
Nach dem Essen sucht der Kleine ziemlich oberflächlich nach dem Spielzeug. Er findet es nicht.
„Egal. Später schaue ich unter meinem Bett nach. Sicher ist der Kreisel dorthin gerollt.“
Nr. 10 und Nr. 11 sitzen wieder in ihrem Fahrzeug. Sie gleiten durch das Haus, schauen sich alle Räumlichkeiten an. Mit dem IS leuchten sie jedes Zimmer aus. Danach legen sie den Info-Stab an ihre Stirn. In Sekundenschnelle nimmt ihr Hirn die Botschaft auf. Jetzt wissen sie Bescheid. Die Menschen und deren Lebensart sind ihnen nun vertraut. Auch das Wort Fußball.
Pünktlich um 21.00 Uhr ist der Junge wieder da. Sehr verschwitzt. Sehr müde.
Im Zimmer ist es warm. Trotz seiner Müdigkeit kann der Achtjährige nicht einschlafen. Eine Weile steht er am Fenster. Allmählich verliert sich die Dämmerung in der Dunkelheit. Mit heißem Herzen wünscht sich der Kleine Sternschnuppen. Möglichst einen gewaltigen Schwarm.
Den braucht er schon. Eine winzige Schnuppe reicht sicher nicht. Der Wunsch ist allzu groß. Das Kind wagt kaum, ihn zu Ende zu denken. Nicht mal die Eltern wissen von seiner Sehnsucht.
„Guten Tag, Bub. Was stehst du da und träumst in die Welt hinaus? Lehne dich nicht zu weit aus dem Fenster. Hier sind wir! Auf deinem Nachtschränkchen. Komm her zu uns! Wir haben lange genug auf dich gewartet!“
Der Junge reibt sich die Augen, will nicht glauben, was sie sehen. „Das ist nur mein Kreisel dort auf dem Schränkchen“, beruhigt er sich. „Mama hat ihn bestimmt dort hingelegt.“
Merkwürdig! Geleuchtet oder gar gesprochen hat das Spielzeug bisher allerdings nicht.
Zaghaft versuchen zitternde Hände nach den Lichtpunkten auf der Konsole zu greifen.
„Lass es lieber bleiben! Unser Licht ist zu stark. Du könntest dich verbrennen. Komm, setz dich her zu uns. Wir müssen uns einander bekannt machen. Höflichkeit ist die erste Pflicht auf unserem Planeten.“
Verwirrt starrt das Kind auf die beiden winzigen Gestalten. Ähnlichkeiten mit den Figuren in den Comic-Heftchen kann er nicht entdecken.
„Nein, nein! Du träumst nicht. Wir sind real. Mit deinen Heftchen haben wir nichts zu tun. Die Figuren sind nur erdacht. Wir nicht!“
Langsam verschwinden Unglaube und Ängstlichkeit. „Wer seid ihr? Wo lebt ihr? Warum seht ihr so anders aus?“
Nr. 10 wedelt mit den feingliedrigen Händen. „Sachte an Bub! Immer der Reihe nach. Also: Mein Bruder und ich leben auf dem Planeten der Geometrie. XX nennen ihn eure Astronomen. Sie haben uns diesen Namen gegeben. Erforschen wollten sie uns zum Glück nicht. Du, kleiner Bub, bist der erste und wahrscheinlich auch letzte Mensch, mit dem wir Kontakt aufnehmen. Eigentlich sollte unsere Raumfähre ganz woanders aufsetzen. Ein Fehler im Navi hat uns in deinem Garten landen lassen. Macht nichts. Wir sind auf der Suche nach neuen Gesellschaftsspielen. Auf der Erde soll es viele geben. Sicher kannst du uns einige nennen und erklären. Dazu kommen wir später! Weshalb wir so aussehen, wirst du schnell verstehen. Geometrie sagt dir vielleicht etwas. Unsere Kultur ist hoch entwickelt. Geistig stehen wir weit über den Menschen. Wir brauchen ihre Körperlichkeiten nicht. Jede Familie kann ihre äußerliche Form selbst bestimmen. Unsere Eltern mögen den Kegel sehr. Andere Familien bevorzugen quadratische, rechteckige, runde, also jegliche Figuren der Geometrie. Dein Kreisel ist auch ein Kegel. Er liegt übrigens tatsächlich unter deinem Bett! Hm. Was wollte ich sagen? Ach ja. Unser Unterkörper ist ein auf den Kopf gestellter Kegel. Füße brauchen wir nicht. Meistens schweben wir. Ansonsten gibt die Spitze Halt und Standvermögen. Unsere Gesichter unterscheiden sich kaum von den Menschengesichtern, denke ich.“ Nr. 10 ringt nach Luft. So viel und so lange hat er seit Kegelgedenken nicht mehr geredet.
„Namen gibt es bei uns nicht. Nur Nummern“, fügt Nr. 11 schüchtern hinzu.
Flüchtig betrachtet der Junge sein Gesicht in der Fensterscheibe. Dann wendet er sich wieder den Fremden zu. Den Menschen ähnlich? Ganz sicher nicht! Nur die Augen, Nase und der Mund sind identisch. Der dreieckige Schädel der Winzlinge sieht schon merkwürdig aus. Lustig sind die Ohren. Wie kleine Windräder drehen sie sich. Mal langsam, mal sehr schnell.
Freundlich lächelt der Kleine seine phantastischen Gäste an.
„Toll, dass euer Raumschiff zufällig in unserem Garten gelandet ist! Wie lange dürft ihr auf der Erde bleiben? Können wir Freunde werden? Ich kenne eine Menge Spiele. Die sind schnell erklärt. Wieso sucht ihr ausgerechnet bei uns nach neuen Ideen? Die Bewohner des Planeten XX sind doch angeblich viel schlauer! Habe ich euch schon meinen Namen genannt?“ Schneller als sich die Windradohren drehen können, sprudeln die Sätze aus dem Mund des Kindes.
„Halt! Stopp, junger Freund. Deinen Namen kennen wir schon. Er gefällt uns. Bub klingt sehr schön. Weich und warm hat ihn die Menschenfrau ausgesprochen. Ein Glück, dass wir bei dir gelandet sind. Du siehst sehr nett aus. Klug bist du wahrscheinlich auch. Schön und klug! Diese Kombination soll es nur sehr selten auf eurem Planeten geben – hat man uns informiert. Natürlich sind wir hochintelligent. Durch die Intelligenz leben wir. Manchmal ist das sehr anstrengend. Etliche Familien unseres Planeten sehnen sich häufig nach einfacher Beschäftigung. Unsere Spiele sind oft allzu be- und errechnet. Kaum jemand hat noch Freude daran. Etliche Planeten im Universum haben Nr. 11 und ich besucht. Überall dasselbe! Kalte, strenge Intelligenz. Freundliche Gesichter oder ein fröhliches Lächeln sind uns nie begegnet. Die Erde war und ist unsere letzte Station…,“
„Psst! Sei bitte still, Nr. 10! Meine Mutter kommt herauf. Sie will mir „Gute Nacht“ sagen. Am besten, ihr versteckt euch draußen unter dem Fensterbrett. Mama glaubt nicht an Außerirdische. Das überlässt sie den Jungen-Phantasien, sagt sie immer.“
Eine Viertelstunde später sitzen die beiden Leuchtkegel auf der Bettdecke des Jungen.
„Deine Mutter ist genau so lieb wie unsere“, seufzt Nr. 11. Heimweh macht sich breit. Verlegen wischt sich der Kegel ein paar Tränen aus den riesigen Augen.
Schnell ist die Trauer vergessen. Konzentriert hören Nr. 10 und Nr. 11 ihrem neuen Freund zu. Augenblicklich haben sie die Regeln der Brettspiele verstanden. „Mensch ärgere dich nicht“ gefällt ihnen besonders gut. Auch das Mogeln beherrschen sie fast perfekt.
„Morgen zeige ich euch noch mehr. Ich bin sehr müde. Leider haben wir noch keine Ferien. In der Schulzeit muss ich immer sehr früh aufstehen. Ihr könnt gerne in meiner Schublade hier übernachten.“
Schläfrig deutet der Bub auf sein Nachtschränkchen.
„Wenn sie in der Früh noch da sind, habe ich wirklich nicht geträumt“, murmelt er schläfrig.
Eine Weile lauschen die Kegelkinder den regelmäßigen Atemzügen des Jungen. Dann schauen sie sich noch einmal die Regeln der Spiele an. Mit dem Info-Stab nehmen sie Zeile um Zeile auf. Ein kurzes Tippen an die Stirn und schon ist das Wissen auf ewige Zeit gespeichert.
„Schade! Doch nur geträumt!“
Enttäuscht schiebt der Bub am nächsten Morgen die Lade wieder zu. In der Schule ist er nicht besonders aufmerksam. Immerzu denkt er an seine ‚Traum-Freunde‘.
„Bist du taub? Du sollst heute mit zum Training kommen! Herr Oberleitner zählt auf dich.“
Ganz schön schmerzhaft, so ein Stoß in die Rippen. Aber der Achtjährige ist seinem Freund Sepp nicht böse.
„Tut mir Leid, Sepp! Ich habe dich nicht gehört. Klar, komme ich! Holst du mich gegen 15.00 Uhr ab? Bis dahin bin ich mit den Schulaufgaben fertig. Vorher darf ich eh nicht raus. Du kennst ja meine Mama!“
Nachdenklich kaut der Kleine an seinem Füllfederhalter. Die letzte Rechenaufgabe. Acht mal neun – ist? So schwer kann das doch nicht sein!
„Zweiundsiebzig“, wispert eine helle Stimme plötzlich.
Vorsichtig dreht der Bub seinen Kopf zur Seite. Sie sind wieder da! Nicht zu glauben. Fröhlich hüpfen die kleinen Wesen über das Rechenheft.
„Na, hast du nicht erwartet, dass wir wieder kommen!? Heute Nacht sind wir zu unserem Planeten zurück geflogen. Die neuen Spiele vorstellen. Alle haben sich gefreut und uns sehr gelobt. Der Ältestenrat hat nach dem Spiel der Spiele verlangt. Fußball wird es genannt. Du und niemand sonst sollst es uns beibringen. Kennst du dich denn gut aus im Fußball, Bub?“
Aufgeregt nickt der Junge. Er freut sich sehr über die Rückkehr der wundersamen Kerlchen. Selbstverständlich wird er ihnen sein Lieblingsspiel beibringen.
„Gleich muss ich zum Training, eh, Fußball-Training, mein ich. Ihr könnt gerne mitkommen. Sicher werdet ihr die Regeln in ‚null Komma nix‘ verstanden haben. Auf dem Fußballfeld sind viele Menschen. Hauptsächlich Freunde von mir. Dürfen die euch sehen? Verstecken kann man sich dort nämlich nicht.“
Nr. 10 und Nr. 11 wackeln mit den großen, dreieckigen Köpfen.
„Kein Problem, mein Lieber! Außer dir sieht uns kein Mensch. Wir lassen die Leuchtkraft im Sonnenlicht untergehen. Wenn das Spiel beendet ist, setzen wir uns in deinen Turnbeutel, einverstanden?“
„Zu den Kleinen gehörst du ja nicht mehr. Wie alt bist du, mein Junge?“
„Acht, aber am elften September werde ich neun Jahre alt. Stolz reckt sich der Junge, schaut seinen Übungsleiter erwartungsvoll an.
„Ich denke, du spielst ab heute in der Gruppe der 9- bis 10-Jährigen.“
Wohlgefällig schaut der Mann dem Jungen nach. „Aus dem Kurzen wird einmal ein Großer. Da bin ich mir sicher. Mittelfeld oder Abwehr. Beides wird ihm liegen. Sogar zum Libero reicht es. Schaunwermal! Ich gebe ihm das Trikot mit der Nr. 5. Er hat’s auch im Kopf, nicht nur in den Füßen. Immer wenn ich das Kerlchen sehe, juckt mein rechtes Ohr. Und immer wenn mein rechtes Ohr juckt, weiß ich, dass mir ein Talent gegenüber steht. Auf mein Ohr kann ich mich jeder Zeit verlassen.“
Springen, schweben. Ausgelassen turnen die Kegelkinder über die Bettdecke. „Mensch, Bub. Das war ein tolles Spiel! Danke, dass du uns mitgenommen hast. Schwer zu verstehen ist es auch nicht. Nur mit der Abseitsregel haben mein Bruder und ich noch Schwierigkeiten. Sicher hast du eine Spielanleitung. Die möchten wir gerne noch lesen, geht das?“
Eifrig klettert der Junge aus seinem Bett. Irgendwo im Bücherregal steht ein kleines Buch. „Fußball leicht gemacht“, oder so ähnlich lautet der Titel.
Gebannt verfolgt der Bub den Info-Stab. Seltsam. Es sieht aus, als würden sich die Buchstaben von den Seiten spiralförmig in den bunten Stab drehen.
„So, fertig!“
Nur einige Sekunden wird der IS an die Stirn gehalten. Die Regeln sofort gespeichert.
„Weshalb machst du so ein trauriges Gesicht, Bub? Möchtest du auch so einen Stab? Leider beherrschen die Menschen diese Technik noch nicht. Es wird noch Jahrzehnte dauern bis sie etwas Vergleichbares erfunden haben. Ihr nutzt die Möglichkeiten der Wellen und Strahlen zu wenig.“
Der Junge ärgert sich ein wenig über Nr. 10’s selbstgefällige Miene. „Also, ganz so dumm sind wir nicht! Schließlich haben wir schon eine Menge technische Dinge erfunden. Mein Radio hier ist doch Klasse. Und seit einigen Jahren gibt es Fernseher. Sie können Bilder aus allen Ländern der Erde übertragen. Flugzeuge und Raketen haben wir schon lange. Eines Tages werden die Wissenschaftler auch Raumschiffe bauen, da bin ich mir sicher! Möglicherweise können wir damit bis zum Planeten XX fliegen. Wer weiß?!“
Vorsichtig streichelt Nr. 10 dem erbosten Kind die Wange.
„Tut mir Leid, Bub. Kränken wollte ich dich nicht. Du hast Recht. Alles können wir natürlich auch nicht. Keinem unserer Erfinder ist so ein spannendes Spiel wie Fußball eingefallen. Oder die Brettspiele. Schach gefällt mir ungemein gut. Komm, sei nicht mehr böse. Sag mir bitte, weshalb du vorhin so traurig warst? Ich möchte es wirklich wissen!“
Minutenlang bleibt es still im Zimmer. Ernst schaut der Kleine die Kegel an. Sein verlegenes Räuspern bringt die Freundschaft zu den Fremdlingen zurück.
„Also. Ach, ich weiß nicht! Nicht mal Mama habe ich von meinem Wunsch etwas gesagt. Ihr wisst ja jetzt, dass es in diesem Jahr eine Weltmeisterschaft im Fußball gibt. Alle vier Jahre wird um den Titel ‚Weltmeister‘ gekämpft. Leider bin ich noch viel zu klein. Klar, dass ich nicht mitspielen kann. Aber zusehen könnte ich. Die Reise in die Schweiz ist sehr teuer. Ebenso die Eintrittskarten. Also fällt Zuschauen auch aus. Heute ist das Endspiel Unser Land gegen die Ungarn. Stellt euch vor! Wir sind im Endspiel! Wir können Weltmeister werden! Schade! Oh, wie gern würde ich dieses Spiel sehen! Meine Eltern gehen heute ins Nachbarhaus. Dort steht schon ein Fernseher. Wir Kinder sind nicht eingeladen. Zum Glück darf ich mir das Spiel im Radio anhören. Traurig bin ich gar nicht mehr. Mit euch zusammen höre ich mir die Übertragung gerne an.“
Wieder wackeln die dreieckigen Köpfe der Leuchtkegel. Sehr leise, sehr aufgeregt flüstern die Kerlchen miteinander. Schneller als ein Ventilator drehen sich die Windradohren.
„Entschuldige, dass wir dieses Mal in unserer Sprache geredet haben, Bub. Tun wir immer, wenn es um Wichtiges geht. Wann beginnt das Spiel? In einer halben Stunde? Dann sind wir wieder zurück. Warte auf uns!“
Gespannt sitzt der kleine Fußballspieler vor dem Radio. Er hört die Nationalhymnen. Der Radiosprecher schildert sehr anschaulich die Atmosphäre im Stadion. An die Außerirdischen denkt der Junge im Augenblick nicht.
Erschreckt schaut er sich um als Nr. 10 ihn mit einem enorm langen IS auf die Schulter klopft.
„He, bitte her sehen! Hier ist die Lösung deines Problems! Du wirst nicht nur hören, sondern auch sehen.“
Nr. 10 und Nr. 11 schwingen gemeinsam den Info-Stab. Einige Sekunden lang sind die Lichtkreise an den Wänden und an der Decke zu sehen. Dann richtet sich der helle Lichtstrahl auf die Tür neben dem Bord mit dem Radio.
Nicht zu glauben! Auf der Türfläche erscheinen plötzlich sich bewegende Bilder.
Der Kleine sieht das Stadion in Bern. Gerade hat der Schiedsrichter das Spiel angepfiffen.
„So etwas gibt es nicht, weiß ich genau! Aber hinsehen muss ich. Wie haben die Kegel das nur gemacht? Ach, egal! Ich frage nicht!“
Stolz lächeln Nr. 10 und sein Bruder ihren Freund an.
Jetzt ist nur das Spiel noch wichtig. Zum Schluss feuern sie die Fußballer lautstark an. Sie überschreien sogar die Stimme des Reporters.
„Mensch, Rahn, hau rein, das schaffst du!“, ruft Nr. 11.
Überglücklich liegen die drei sich in den Armen. 3:2! Ein kleines Wunder, Fußballwunder, sagt man später, ist geschehen.
Bis zum Abend sprechen die aufgeregten Kinder über das Spiel. Immer wieder beschreiben sie die mitreißenden Momente.
„Oh, ich glaube die Eltern kommen heim. Leider müsst ihr euch wieder verstecken. Nachher unterhalten wir uns weiter, OK?“
„Nein, wir müssen uns nicht verstecken. Noch heute wollen wir zu unserem Planeten zurück. Alle warten auf uns und das neue Spiel. Danke für deine Hilfe Bub! Mein Bruder und ich möchten dir eine Kleinigkeit schenken.“
Nr. 10 drückt dem Jungen kurz den Info-Stab an die Stirn.
„Möge dich unser Licht stets beschützen. Es wird dir helfen, all deine Ziele zu erreichen.“
Eine innige Umarmung und schon schwebt das gläserne Raumschiff durch die Nacht. Der Junge steht am Fenster. Traurig sieht er den immer kleiner werdenden Lichtpunkten nach.
Aus dem ‚Buben‘ ist ein sehr erfolgreicher und in der Welt bekannter Fußballspieler geworden. Heute ist er 60 Jahre alt. Sein Leben nach wie vor mit dem Fußball verbunden.
Menschen, die ihn erlebt oder kennengelernt haben, nennen ihn selten bei seinem Namen. Sie nennen ihn ‚Kaiser‘, oder wohlwollend ‚Lichtgestalt‘.


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Buchtipp

Max und Mäxchen
Antonia Stahn
Max und Mäxchen
Kindergeschichten für große und kleine Leser

Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-7-4

„Zärtlich streichelt der Vater seinem Sohn über die blonden Locken. Dann setzt er die Lesebrille auf und erzählt …“ Und immer wenn der Vater eine Geschichte erzählt, ist der Sohn ganz still und hört aufmerksam zu.
Der Vater Max und sein Sohn Mäxchen – das sind die beiden Helden aus dem Buch „Max und Mäxchen. Kindergeschichten für große und kleine Leser“.
Zwölf Geschichten der Autorin Antonia Stahn entführen große und kleine Leser in eine heile Familienwelt, nach der sich heutzutage viele Menschen sehnen. Vater und Sohn erleben gemeinsam alltägliche Abenteuer. Und jedes Mal erzählt der „große“ Max dem „kleinen“ Max eine Tiergeschichte. Da sind zum Beispiel Don Loxo, der Elefant und Galba, die Riesenschildkröte, Susa, das Hausschwein und Eccu, das schottische Hochlandpony. Die spannenden und unterhaltsamen Geschichten vermitteln nicht nur interessante Informationen über das Leben der Tiere, stets geht es auch um Werte wie Freundschaft, Solidarität und Hilfsbereitschaft.
Die Geschichten wurden von der Mediengestalterin und Künstlerin Sibylle Rencker liebevoll illustriert. Durch das harmonische Zusammenspiel von Bild und Text bereitet das Buch einen Genuss beim Lesen und Zuhören sowie Freude beim Betrachten.

Max und Mäxchen
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Sportgeschichte Babas Balle

10. Mai 2010
Erzähl mir was von Afrika

Erzähl mir was von Afrika

Babas balle
© Didier

Man kann beim besten Willen nicht behaupten, dass er ein besonders sympathischer Junge war, der kleine Baba. Dafür war er viel zu sehr von sich selbst überzeugt und das, was man eine große Klappe nennt, gesellte sich, wie meistens in solchen Fällen, noch dazu. Er war nicht der typische Loser und das wusste er. Und ich auch. Wenn ich mir meine Volleyballmannschaft zusammenstellte, sicherte ich mir gern Babas Künste. Zugegeben, er spielte zu eigensinnig, drosch den Ball immer gleich rüber anstatt „passe“ zu spielen, wie das Zuspiel auf Französisch heißt. Aber im Gegensatz zu den anderen Kleinen, die unbedingt immer mitspielen wollten, bekam er den Ball wenigstens über das Netz. Seine Selbstsicherheit half ihm dabei. „La balle m’aime et moi, j’aime la balle!”, erklärte mir Baba mit stolz geblähter Brust einmal nach einem wunderbar herausgespielten Punkt. Ich sehe ihn noch heute vor mir: seinen meist unbekleideten, drahtigen Oberkörper, seine kurzen, schwarzen Locken, sein breites, weißes Grinsen, seine schmuddelige kurze, rote Sporthose. Schwer zu sagen, wie alt Baba war, vielleicht zehn. Die afrikanischen Kinder bleiben ja oft länger klein und schmächtig, weil die Reisgerichte manchen Wunsch des wachsenden Kinderkörpers unerfüllt lassen. Aber zum Volleyballspielen reichte es allemal.

Ich sehe auch die anderen noch alle vor mir, diesen „Kindergarten“, die versammelte Jugend von acht bis achtzehn aus der Nachbarschaft des Centers, wie sie hinter dem Haus auf dem steinigen Acker baggerten und pritschten, auf jenem unebenen Spielfeld, das ich im September in einer schweißtreibenden Sammelaktion erst bespielbar gemacht hatte. Die dicken, roten Felsbrocken und die vielen kleineren Steine, die ich aufgesammelt hatte, liegen vielleicht heute noch als großer Haufen an der Rückseite des Hauses. Ich sehe auch noch vor mir, wie Baba, Martin oder Maldini – ihre richtigen Namen habe ich nie gekannt – den Ball über die hohe, graue Mauer auf das Nachbargrundstück droschen. Und Baba wohnte da irgendwo und kannte die Leute. Er war es meist, der dafür sorgte, dass der Ball bald wieder auftauchte. „Je vais checher la balle“, rief er selbstbewusst und peste über den Basketballplatz zum Haupteingang des Peuple de l’Injil um vor Ort nach dem Ball zu forschen. Meist kam „la balle“ dann in hohem Bogen über die Mauer geflogen und das Spiel ging weiter. „La balle“ – das französische Wort ist ja mit dem deutschen „Ball“ nicht ganz bedeutungsgleich, denn „la balle“ heißt eigentlich Kugel und „ballon“ ist der Ausdruck für „Ball“, aber jeder, der schon einmal im französischsprachigen Afrika gewesen ist, wird bestätigen können, dass afrikanisches Französisch seine eigenen Gesetze hat, über die jedes Mitglied der Académie Française nur die Hände überm Kopf zusammenschlagen kann.

Volleyball war übrigens nur eines der Freizeit-Angebote, die unsere protestantische Missions-Außenstelle, die wir, dem muslimischen Gepräge von Conakry gemäß, als Peuple de l’Injil bezeichneten, für die Jugendlichen des Viertels bereithielten. Der Name ist ein französisch-arabischer Mix und bedeutet so viel wie „Volk des Evangeliums“. Die Nennung des arabischen Begriffs „Injil“ fungiert dabei als Wink mit dem Zaunpfahl und sollte in etwa folgende Botschaft übermitteln: „Schaut euch euren Koran mal genau an. Wir kommen auch drin vor!“ Die amerikanischen Missionare, mit denen ich zusammenarbeitete, und ich, die deutsche Aushilfskraft, benutzten freilich lieber den einprägsameren und viel kürzeren Ausdruck Center. Und das war es ja auch, dieses Haus mit Unterrichtsräumen, einem Lesesaal, der sonntags zum Gottesdienstraum wurde, Tischfußball, einem Garten, einer Tischtennisplatte, Basketball- und eben dem von mir eigenhändig ins Leben gerufenen Volleyballplatz: eine Anlaufstelle, ein Jugendtreff, ein Zentrum gegen Langeweile und Alltagsfrust. Dass sich mit Küche, Bad und Schlafzimmer auch meine Privatgemächer in diesem Haus befanden, war für die meisten reine Nebensache und ich als Betreuer des Centers eine zwar beliebte, aber letztlich austauschbare Figur. Das bekam ich vor allem dann zu spüren, wenn ich meiner Hauptaufgabe, Englischunterricht für Erwachsene, nachging und deswegen der Spielbetrieb in den späten Nachmittagsstunden ruhte. Da gab es manchmal wüste Klagen und Beschwerden, wie man ihnen denn den Zutritt verweigern konnte! Auch Baba, frech und vorlaut, wie er war, forderte gern sein Recht ein, die Spielanlagen benutzen zu dürfen, das er mit dem Erwerb der Peuple de l’Injil-Mitgliedskarte für den eher symbolischen Preis von umgerechnet einem Dollar uneingeschränkt und auf Lebenszeit zuerkannt bekommen zu haben meinte.


… die Fortsetzung dieser Geschichte gibt es in dem Buch



Erzähl mir was von Afrika
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-2-9


Afrika – dunkel, geheimnisvoll und faszinierend.
Dieses Buch enthält eine Auswahl der besten Beiträge zum Kurzgeschichtenwettbewerb „Afrika“.
14 Kurzgeschichten zeigen die Faszination des „Schwarzen Kontinents“ aus unterschiedlichen Perspektiven. Geographisch umspannen sie den Kontinent von Nord nach Süd und von West nach Ost, von Ägypten bis Südafrika, von Guinea bis Kenia. Auf der Zeitachse reichen die Geschichten von den Anfängen der Menschheit bis in die Zukunft. Sie erinnern an dunkle Kapitel der Vergangenheit und sie beleuchten das afrikanische Alltagsleben und Probleme der Gegenwart.

Das Buch
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Schwule Fußballer

6. Mai 2010

Der schwule Fußballer
© Kathrin Sehland

Schon als er am Morgen die Augen aufschlug spürte er, dass heute der Tag gekommen sein würde. Heute fühlte er sich stark. Heute empfand er Selbstbewusstsein. Heute würde er endlich die Kraft und den Mut aufbringen können, um seinen Kameraden ganz trocken zu sagen: „Ich bin schwul.“
Ohne Wenn und Aber, frei von der Leber weg. Gut, er lebte in einer männerdominierten Welt, Profifußballer. Aber nachdem, was in den letzten Wochen alles passiert war, schien sich viel zu verändern. Es geriet etwas in Bewegung, was keiner je zuvor erwartet hätte. Das Feingefühl für die speziellen Eigenheiten eines jeden Menschen, seinen Befindlichkeiten war gewachsen. Die Welt, auch die Fußballwelt, schickte sich an, Verständnis zu zeigen. Selbst Depressionen konnten inzwischen fast ohne Einbußen eingestanden werden. Die Vereine, Manager, Mannschaftsleitungen, Spieler und selbst die Fans waren so einsichtig, dass so ein bisschen Schwulsein doch auch kein Problem mehr darstellten dürfte.
Er stand vor dem Spiegel und kontrollierte, über das Gesicht streichelnd das Resultat seiner Rasur. Glatt, babyglatt. Mit etwas Spucke fixierte er seine Brauen. Zufrieden lächelte er sich zu. Dann schickte er einen Kuss gen Spiegelbild und zeitgleich küsste dieses scheinbar zurück.
Mit einem flotten Griff schnappte er sich seine Sporttasche und fuhr zum Training. Aus dem Player seines Jaguars ertönte sein Lieblingslied: „Schwule Mädchen“. Im Takt wippte sein Oberkörper vor und zurück und zum Refrain trällerte er lautstark mit.
Er war so gut drauf, wie seit langem nicht mehr. Einen besseren Tag für sein Coming-out hätte er sich nicht vorstellen können.

Dennoch holten ihn immer wieder leise Zweifel ein. Er blinzelte in die Sonne. Schwulsein war nun wirklich nicht schlimm, eigentlich alltäglich, in der heutigen Zeit. Und er erinnerte sich an die Forschungsergebnisse aus der Antarktis. Seit herausgefunden wurde, dass sogar Pinguine gleichgeschlechtliche sexuelle Bindungen eingingen, war es bewiesen und normal, jedenfalls für ihn. Wieso nur hatte er so lange geschwiegen? Gut, Schwulsein galt als Verweichlichung, als Belästigung. Aber bisher hatte er doch bewiesen, dass er nicht nur ein guter, sondern ein ausgezeichneter Spieler war. Und nur das zählte. Er war nicht weich. Gut, das konnte er zwar auch sein, aber nicht auf dem Spielfeld. Da war er ein harter Hund, sich nicht zu schade ist, mal kräftig reinzutreten, natürlich nur wenn es sein musste. Dafür entschuldigte er sich aber auch jedes Mal mit einem leichten Klopfen, auf Schulter, Rücken oder einen sachten Klaps auf den Po. Bei dieser Vorstellung musste er schmunzeln, sah geradewegs diesen neckischen kleinen, dennoch straffen Fußballerhintern vor sich. Vielleicht trat er auch deswegen so gern mal in die Beine, wegen dieser netten Entschuldigungen? Nein, diesen Gedanken schob er schnell beiseite, so wollte er nicht sein.

Schwule Pinguine! Er lachte, schüttelte ungläubig den Kopf und versah ganz kreativ die Musik aus dem Player mit einem neuen Text. Lauthals sang er: „Schwule Pinguine.“
An der Ampel neben ihm hielt ein Auto mit zwei jungen Damen. Winkend sahen sie zu ihm herüber, lachten und machten ihm schöne Augen. Scheinbar hatten sie ihn erkannt. So ziemlich alle in der Stadt kannten die Gesichter der erfolgreichen und umjubelten Fußballmannschaft. Und alle würden heute erfahren, dass er schwul war. Auch die beiden Damen da drüben.
Wieder ereilte ihn die Nachdenklichkeit. Was würde wohl die breite Öffentlichkeit meinen? Die Zeitungen würden darüber berichten, das war klar. Aber wie? Schließlich waren es auch die Medien, die die Begriffe Schwuchtel, Warmer oder Tunte publizierten und sich wie Geier darauf stürzten, so bald mit einer schwulen Story Geld zu verdienen war.
Wie würde es auf dem Fußballfeld selbst, nach seiner Offenbarung sein? Würde er weiterhin bei einem Freistoß ganz unbedarft in der Mauer zwischen seinen Jungs stehen können? Gerade da, wenn die Hände schützend die Männlichkeit abdeckten, diese geradezu einen Blickfang bot und damit Sexualität ins Bewusstsein rief?
Wie würde es sein, wenn sie sich nach einem Treffer ungestüm küssend in den Armen liegen würden? Würde er noch genau so geherzt werden oder würden unsichtbare Schranken nur ein Schulterklopfen erlauben? Und würde er noch einen Platz finden, in der von Spielern und Zuschauern besonders beliebten Fußballraupe? Er überlegte, welche Position er in der Raupe noch einnehmen könnte. An erster Stelle würde er sein Hinterteil den anderen direkt gen Gesicht recken. Das wäre ungünstig. Als Letzter könnte es den Schein erwecken, als schwänzele er den Jungs hinterher. Und mittendrin? Als könnte er den Hals nicht voll genug bekommen.
Würden die Damen auch noch winken, wenn er bereits seine wahre Sexualität zugegeben hätte? Wenn sie wüssten, dass sie bei ihm keine Chance hätten, jedenfalls in sinnlicher Hinsicht. Würden sie auch dann so freundlich zu ihm herüber winken? Leise stiegen Zweifel auf.
Er ließ die Seitenscheibe herab und reichte den beiden zwei Autogrammkarten von Fenster zu Fenster. Wer weiß, ob man sie noch mal als loyale Fans gebrauchen könnte.
Eine größere Freude hätte er ihnen nicht bereiten können. Sie quiekten vor Vergnügen, schauten auf das Bild, sein Bild, mit seiner Unterschrift und bedankten sich unentwegt. Ganz aus dem Häuschen waren die beiden.
Diese tiefe Freude und Sympathie konnte nicht allein deswegen sein, weil er scheinbar ein Heteromann war. Nein, die Zuneigung war seiner selbst Willen, wegen seines Fußballkönnens. Das konnte gar nicht anders sein. Sie mochten ihn als Spieler einer standhaften Elf, an deren Erfolg er doch so großen Anteil hatte.
Irgendwie fiel ihm gerade ein Stein vom Herzen. Glückstrahlend und in seinem Outing- Willen bekräftigt, fuhr er mit quietschenden Reifen davon.

Die Umkleidekabine füllte lautes Stimmengewirr und sie begrüßten ihn mit einem Hallo!, Handschlag oder einem freundlichen Kopfnicken. Er war froh, hier zu sein, hier unter seinen Kameraden. Kameraden, die zu ihm standen, wie es in einer Elf sein muss. Elf Freunde sollt ihr sein. Und das waren sie.
Beim Umziehen betrachtete er schon mal den einen oder anderen. Aber nicht aufreizend oder schmachtend. Nein, ganz normal. Gut, hin und wieder stieg schon mal die Sehnsucht nach einer Liebelei auf. Aber ganz im Ernst, er hätte nie was angefangen. Wie auch, wenn keiner davon wusste, dass er auf Männer stand. Vielleicht gab es ja noch einen unter ihnen, der von seinem heutigen Coming-out profitieren würde. Vielleicht würden sie dann zu zweit sein. Zu zweit, als Schwule in einer Fußballmannschaft. Rein diese Vorstellung erheiterte ihn und ließ ihn bis über beide Wangen grienen.
Er sah in die Runde. Alles aufgeklärte Männer, die mitten im Leben standen, neutral gegenüber Vorurteilen. Er war stolz auf seine Mannschaft.
Lautstark unterbrach der Trainer das Stimmengewirr, bat um Gehör und verkündete die geplanten Trainingseinheiten.
Der Trainer. Ein Mann mit Prinzipien, mit Ausstrahlung, guten Führungseigenschaften, Verständnis und tief reichender Menschlichkeit. Ein Mann, der voll hinter seinen Jungs stand, mit allen Fehlern und Schwächen. Er würde auch hinter ihm stehen bleiben, fest wie eine Eiche.
Mit: „In fünf Minuten auf dem Platz!“, beendete der Trainer seine Anweisungen.
Der Augenblick für das Eingeständnis schien günstig. Jetzt würde er den Jungs offenbaren, dass er anders war, als ein normaler Mann, dass er ein schwuler Fußballspieler war. Einer mit Erfolg und einer von ihnen, einer auf den die Mannschaft auf keinen Fall verzichten konnte. Ein Garant für ein siegreiches Spiel. Ein Meister seiner Klasse, ein Experte auf seiner Spielposition. Ein Fußballer mit Hirn, taktischem Vermögen und weitsichtigem Denken. Er war ein Kicker mit Talent, ein Ballzauberer. Und ein Kamerad, einer mit Loyalität über den Profifußball hinaus. Er war ein Freund, der Freund der ganzen Mannschaft.
Um sich Gehör zu verschaffen, klatschte er kräftig in die Hände und obwohl einige noch redeten hob er mit lauter Stimme an: „Ich wollte euch heute etwas, mir besonders am Herzen liegendes mitteilen. Etwas, was für mich unendlich wichtig ist. Ich habe lange gebraucht, doch heute fühle ich den Tag gekommen. Ich mach’s kurz. Liebe Kameraden, ich bin schw“.
Da brach er seine Rede abrupt ab. In der Umkleidekabine herrschte bestürzte Stille. Stille, wie auf einem Friedhof, oder als würde frisch gefallener Schnee sämtliche Geräusche verschlucken. Eiseskälte breitete sich aus. Er blickte in die Runde der wohlbekannten Gesichter seiner Fußballfreunde. Eins nach dem anderen schaute er sich an. Neugier und entsetztes Erwarten spiegelten sich wider. Er spürte, wie sich seine Knie in weiche Gummigelenke verwandelten, so als stünde er kurz vor einem Elfmeterschuss, spürte, wie sich ein feuchter Film auf seiner Stirn ausbreitete, wie seine Wangen zu fiebern begannen, wie sein Puls raste. Ihm war klar, dass er den Satz zu Ende bringen musste. So offen, ohne Aussage konnte er ihn nicht stehen lassen. Das würde zu viele Fragen offen lassen. Er musste die Sache abschließen.
Stockend und mit zitternder Stimme sprach er weiter: „Kameraden, ich bin Schwedenfan.“
Sekunden der Stille folgten. Schulterzuckend und entschuldigend fügte er hinzu: „Tja, mir gefällt einfach die, wenn auch etwas erfolglose Spielweise der Schweden.“
Das unangenehme Schweigen wurde von einem erleichterten Aufatmen, was sogleich in ein erfreuliches Lachen überging, abgelöst. Im Nu hatte sich die Akustik der Umkleidekabine wieder in das alte Stimmengewirr verwandelt.
„Hey, das ist doch nicht so schlimm. Ich bin Islandfan.“
Dabei legte man ihm freundschaftlich den Arm um die Schulter.
Ein anderer packte sein Gesicht freudig mit beiden Händen: „Ich dachte schon, du bist schwul!“, gab ihm erleichtert einen dicken Schmatz auf die Wange und wuschelte ihm kurz durchs Haar.
„Nein, nein.“, versuchte er verlegen zu scherzen.

Mit hängenden Schultern hörte er, wie das Klackern der Fußballstollen im langen Gang der Umkleidekabinen sanft verhallte. Allein blieb er zurück. Ganz allein. Er hatte es nicht geschafft, seinen Kumpels, seinen besten Freunden die Wahrheit zu sagen. Zu sehr erschütterten ihn die entsetzten Gesichter derer, die er für aufgeklärt, für tolerant hielt. Er hatte es nicht fertig gebracht. Und jetzt?
Er hielt inne und dachte über sein Leben nach. Bisher war es doch ganz gut gelaufen. Warum nicht einfach so weiter machen? Stand dem etwas entgegen, nur weil er dieses eine Wörtchen nicht auszusprechen vermochte?
Er schnaubte einen kräftigen Luftstoß durch die Nase und pfiff so auf sein Bekenntnis. Im Leben ist es eben wie im Fußball. Ein Spiel gewinnt, das andere verliert man. Und nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Alte Fußballerweisheiten! Und er war Fußballer, durch und durch, auch wenn er schwul war. Warum sollte er sein Innerstes jedem preisgeben? Er hat doch eine Persönlichkeit, und die war nur wegen des Schwulseins nicht schlechter als die von Heteros. Was geht es die anderen an, wenn er nun mal Männer mehr liebte, als die Frauen. Nichts.
Er richtete sich auf, zupfte seine Trainingsshorts zurecht und rannte in maskulinen Schritt hinaus auf den Platz, auf dem Männer sein müssen, wie Männer normalerweise sind.

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Hamburg Tor zur Welt

3. Mai 2010

Hamburg – Tor zur Welt
© Lotte Lott

Ich gucke auf die Anzeigetafel und traue meinen eigenen Augen nicht. Es steht tatsächlich eine 1 hinter dem Doppelpunkt. Spanien führt gegen Deutschland. Es steht 0:1 in dem WM-Halbfinalspiel Deutschland gegen Spanien. Die Stimmung ist jedoch erstaunlich gut. Das Stadion ist ausverkauft, spanische Fahnen wehen, und Schals werden hochgehalten. Das vermittelt mir schon fast etwas Urlaubsstimmung. Die Fahnen und Spanier, versteht sich, nicht die Schals. So viele Spanier und das Wetter in Hamburg ist auch ganz schön. Auf jeden Fall scheint die Sonne. Ach ja, nach Spanien könnte ich auch mal wieder fahren.
„Wie findest du das denn?“, fragt mich ein Typ neben mir und piekt mir mit dem Finger in die Seite. Der muss hier wohl neu aufgerückt sein, denn vorher ist er mir noch gar nicht aufgefallen. „Wie soll ich das denn finden?“, antworte ich völlig aus meinen Träumen gerissen. „Typisch Frau. Du sollst das Scheiße finden. Wenn wir jetzt nicht innerhalb kürzester Zeit ein Tor schießen, dann ist die WM für uns gelaufen.“ Automatisch schaue ich wieder zur Anzeigetafel. Es sind noch ca. 15 Minuten zu spielen. Also ist noch etwas Zeit, aber das wird knapp. Mit vier Mädels haben wir getippt wie das Spiel ausgehen wird. Leider haben die anderen drei keine Karten für das Spiel bekommen, sodass ich allein reisen musste. Es war ja auch unheimliches Glück, wenn man eine Karte bekommen hat. Wie ich dazu gekommen bin weiß ich gar nicht so genau. Sonst gewinne ich nie etwas. Na ja, von gewinnen kann bei dem Preis auch nicht wirklich die Rede sein, aber immerhin, ich bin dabei! Gestern bin ich mit dem Zug von Paderborn nach Hamburg gereist, habe in einem kleinen Hotel auf dem Land mit Bahnanschluss eingecheckt und bin noch etwas durch den Ort gelaufen. Also, ich muss ja ehrlich sagen, soviel anders als in Paderborn kam es mir dort nicht vor. Aber heute hier in der AOL-Arena ist das schon etwas ganz anderes. Es ist einfach eine unbeschreiblich tolle Atmosphäre! Ich kann mein Glück gar nicht fassen, dass ich heute dabei sein darf. „Hey, sag mal, du musst auch mitmachen“, spricht der Typ neben mir mich wieder an. Mitmachen, wobei? Ach so, die machen hier die Welle. Auch schön, also halte ich auch die Hände nach unten, mache munter „ohhhh“ und reiße die Arme ganz weit nach oben kurz nachdem mein Nebenmann das gleiche getan hat. Ja, das macht Laune, das macht Spaß. Gewinne, Gewinne …
Mein Tipp für das Spiel ist 2:1 für Deutschland. Da muss aber noch was passieren. Suse hat eine 0:1 getippt. So eine vaterlandsuntreue Person. Drei von uns haben auf Deutschland gesetzt, nur die Suse nicht. Wenn die jetzt gewinnt, dann bin ich echt sauer.
Wieder schaue ich zur Anzeigetafel. 0:1. Da hat sich nichts geändert. Nur die Zeitanzeige hat sich geändert, nur noch 13 Minuten zu spielen. Die Spanier schwenken fröhlich ihre Fahnen und singen Lieder. „Ole, ole, ole“ ist das einzige was ich verstehe. Man hat das Gefühl, die feiern schon.
„Schieß doch mal ein Tor!“, rufe ich euphorisch. Vielleicht hilft es ja? Der Typ neben mir grinst breit. Das kann ich genau erkennen, auch wenn er neben mir steht. Habe ich was Falsches gesagt? „Hey, du musst lauter rufen. Die hören dich sonst nicht. Pass mal auf, ich zeige es dir. Looooooooooooos nun mach‘ doch!“, schreit er. Tatsächlich, die Nr. 7 der Deutschen setzt den Fuß an den Ball und zieht ab in Richtung Tor. Der Lautstärkepegel im Stadion steigt. Es geht alles so schnell, aber es ist ein Tor für Deutschland gefallen!
Es ist ein Tor gefallen. Mein Nebenmann nimmt mich jubelnd in den Arm. Ich bekomme eine Gänsehaut. Nicht von der Umarmung, sondern von der ganzen Atmosphäre. Es ist einfach unbeschreiblich schön.
Die Anzeigetafel meldet nun 1:1. Die Zeitanzeige zeigt 17:20 an, demnach sind noch 10 Minuten zu spielen. Na ja, es könnte noch zu schaffen sein. Wenn jetzt kein Tor mehr fällt gibt es eine Verlängerung. Dann kann mein Tipp immer noch zutreffen. Also, erst mal bin ich wohl gerettet. Wir haben nicht etwa um Geld gewettet. Nein, wir haben um unseren gemeinsamen Traummann gewettet. Die Gewinnerin darf mit ihm ausgehen. Alex, unser Schwarm, hat sich einverstanden erklärt. Die drei Verliererinnen müssen den Abend für die beiden bezahlen. Kaum auszudenken, wenn ich nicht gewinne. Die Reise nach Hamburg, das Hotel, die teure Eintrittskarte und mein Anteil an dem Abend, den eine andere mit meinem Schwarm verbringt. Woher soll ich denn als arme Studentin das ganze Geld nehmen? Bei der Vorstellung, dass eine andere von uns mit meinem Schwarm ausgeht macht mir Angst. Aber Suse wird es nun schon mal nicht sein, und das ist auch gut so. Bei ihr hätte ich ernsthaft Angst, dass Alex Gefallen an ihr finden könnte. Suse ist raus!
Bleiben Babsi mit ihrem 3:2-Tipp und Beate mit ihrem 5:4-Tipp. Vielleicht sollte ich den Typen neben mir noch mal animieren die Deutschen anzufeuern, das hat doch eben auch geklappt.
Ich drehe mich zu ihm um und mustere ihn unauffällig. Es ist größer als ich, schlank, hat dunkle kurze Haare und die Augen kann ich gerade nicht erkennen. Ich schätzte ihn mal auf Mitte Zwanzig. Um das rechte Handgelenk hat er locker einen Fan-Schal gebunden. Außerdem trägt er ein Deutschland T-Shirt, Jeans und Turnschuhe.
„Looos, schieß doch“, rufe ich einfach. Die Situation auf dem Spielfeld war geradezu prädestiniert für diesen Ausruf. Die Nr. 27 der Deutschen war gerade am Ball und nicht allzu weit vom gegnerischen Tor entfernt. Aber nichts passiert, weder dass ein Tor fällt, noch dass mein Nebenmann in den Chor einfällt, noch dass er sich zu mir umdreht und ich die Augenfarbe erkennen kann. Manche Fans sind ja so mutig, dass die einfach anfangen zu singen und auf einmal singen alle mit. Mutig war ich eben auch, aber es hat nicht einer mitgesungen. Vielleicht kannte den Spruch einfach keiner? Oder ich hätte es mehr singen müssen, so ungefähr „Los, lauf mal einer vor, dann schießen wir ein Tor!“ Das ganze muss man dann mehrmals nacheinander aufsagen, bzw. singen, und dann können es vielleicht alle? Oder ich bekomme hier mächtig Ärger. Oder mein Nebenmann hält mich für total bescheuert. Also sage ich lieber nichts mehr.
Die Anzeigetafel zeigt immer noch die 1:1 an. Die Spielzeit beträgt nach meiner Berechnung noch 4 Minuten. Mir fehlt hier ein Kommentator, der ansagt, wie lange noch gespielt wird. Na ja, so rechne ich es mir halt selber aus. Während ich noch am Überlegen bin, ob ich mich auch nicht verrechnet habe, höre ich einen kurzen Pfiff und dann geht ein Johlen durch das Stadion. Das Spiel ist abgepfiffen. Das Spiel ist aus. Es bleibt beim 1:1.
„Na, willst du auch ein Bier?“, fragt der Typ neben mir. „Ja, gern. Warte ich komme mit.“ Wir drängeln uns durch die Massen. Anscheinend sind noch mehr auf die Idee gekommen erst mal was zu Trinken. „Am besten wartest du hier, ich drängele mich mal weiter nach vorn.“ Auch schön. Also stelle ich mich etwas abseits des Gedrängels hin und beobachte das bunte Treiben. Die meisten Zuschauer haben Fan-T-Shirts an, und ein paar Tücher oder Schals um Hals, Hüfte oder das Handgelenk gewickelt. Gerade läuft ein Mann mit einem HSV-Shirt an mir vorbei. Na ja, das muss ja jeder selber wissen. Mit dem HSV kann ich persönlich nichts anfangen und schon gar nicht nach der Geschichte mit dem Schiedsrichterskandal. Ich sage nur, Paderborn gegen HSV. Mit einem Paderborn-Shirt würde ich hier nun allerdings auch nicht auflaufen, da ist HSV wahrscheinlich schon eher angebracht, zumal wir hier ja in Hamburg sind.
Eigentlich könnte ich mal die Toilette aufsuchen, aber ich sehe schon von weitem, dass vor der Damentoilette mal wieder eine Schlange ist. Es sind doch bestimmt mehr Männer als Frauen hier im Stadion, aber bei den Männern ist nie Stau. Das ist gemein. Die konzentrieren sich halt auf das Wesentliche. Wir Frauen machen uns dann halt noch mal schnell (?) frisch, was soviel heißt wie: Schminken, Kämmen und Klönen. Ob das nun aber hier im Stadion zutrifft, das weiß ich nicht.
„So, da bin ich wieder“, sagt mein Fußballfreund und gibt mir das Bier. „Ich heiße übrigens Matthias und du?“
„Ich heiße Anja. Also, dann, auf dass die Deutschen gewinnen! Am besten mit 2:1.“
„O.K., Prost Anja. Aber wieso mit 2:1?“
In ein paar kurzen Sätzen schildere ich ihm unsere Wette samt Preis. Er wundert sich über den ungewöhnlichen Wetteinsatz. Nun weiß er, dass ich ein Single auf der Suche nach dem Mann fürs Leben bin. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ihm das gefällt.
Wir gehen zusammen zurück in den Fanblock. „Was bekommst du denn für das Bier?“, frage ich ihn.
„Also, was hältst du denn von einer weiteren Wette? Der Verlierer muss den anderen zu einem Essen einladen. Das Bier von eben gehört zum Wetteinsatz dazu. Wer verliert muss zahlen.“
Oh nein, noch eine Wette. Wenn ich die auch noch verliere, dann bin ich total pleite. Auf der anderen Seite, dieser Matthias ist eigentlich ganz süß, außerdem hat er blaue Augen wie ich mittlerweile festgestellt habe. Das ist meine Lieblingsaugenfarbe. Heute Abend habe ich auch noch nichts weiter vor, außer zu diesem kleinem Hotel zurückzufahren. Warum also nicht.
„Na gut, wie du meinst. Ich tippe immer noch auf 2:1 und was ist dein Tipp?“
„Also, ich tippe auf einen Sieg der Deutschen beim Elfmeterschiessen. Das langt als Tipp. Bei einem 2:1 gewinnst du und wenn es ins Elfmeterschiessen geht mit einem deutschen Sieg habe ich gewonnen. Sonst einigen wir uns auf unentschieden und ich bekommen noch 3 EURO von dir für das Bier.“
Ist das gerecht? Keine Ahnung, ist mir auch egal. Ich schlage ein. Bei einem 2:1-Sieg bin ich eh fein raus. Zwei Verabredungen mit zwei ganz süßen Typen. Da werden die anderen Mädels aber Augen machen!
Auf der Anzeigetafel tut sich jetzt was. Es wird ein Foto eine spanischen Spielers angezeigt. Juan Fernandes steht daneben. Hinter mir schreit einer ganz laut in mein Ohr „Arschloch!“. Ich zucke zusammen, so eine Gemeinheit, der sieht doch ganz gut aus, der Juan. Das nächste Foto erscheint, Carlos Luis mit der Nr. 5. „Arschloch!“, rufen fast alle aus unserem Fanblock. Ach so, jeder Spieler, der neu eingewechselt wird, wird so begrüßt. Na dann, beim Dritten schreie ich auch lauthals „Arschloch!“, genauso wie Matthias. Ich habe an einen Kommilitonen bei dem Ausruf gedacht, nicht an den eingewechselten Antonio. Das ist toll, da werden Aggressionen abgebaut. In der Uni kann ich ja schlecht aus vollem Halse „Arschloch“ schreien, wenn ich mich mal wieder über den besagten Kommilitonen ärgere.
Bei den Deutschen wird nur ein Spieler ausgewechselt. Was die Spanier gerufen haben konnte ich nicht verstehen. Im Zweifel „Ole“, oder?
Das Spiel wird wieder angepfiffen. Die Spanier jubeln und singen. Da kann man sagen was man will, es hört sich immer nach Urlaub an, wenn man diese spanischen Laute hört.
Anpfiff. Die Verlängerung beginnt. Die Spieler laufen über das Spielfeld und die Zuschauer feuern ihre Mannschaft an. Unsere neu eingewechselte Nr. 17 hat schon den Ball, na ja, der ist ja auch fit und ausgeruht. Er spielt zur Nr. 10 rüber, aber da kommt dann schon das eine von den drei Arschlöchern der Spanier dazwischen und nimmt ihm den Ball ab. So geht’s eine ganze Weile hin und her und so richtig passiert nichts. Ich schaue mir den blauen Himmel über dem Stadion an, da ist nur eine kleine Wolke, sonst nichts. Es sieht toll aus. Mein Blick schweift ab und bleibt bei der Werbung hängen. Hier werden hauptsächlich Lebensmittel beworben, schon fängt mein Magen an zu knurren. Wenn ich es mir so überlege, dann wäre es doch so langsam mal Zeit was zu essen. Automatisch schaue ich zu Matthias, aber der ist voll beim Spielgeschehen dabei und er ärgert sich gerade über einen Spieler, wie die anderen um mich herum auch. Da habe ich wohl was verpasst. Ach so, die erste Hälfte der Verlängerung ist schon zu Ende und es ist kein Tor gefallen.
Oh weh, hoffentlich gibt es kein Elfmeterschiessen, ich habe HUNGER! Außerdem will ich gewinnen!
In der kurzen Pause taucht das Maskottchen der WM auf dem Spielfeld auf. Es ist ein überdimensional großes Plüschtier, das über alle vier Backen grinst. Eigentlich ganz süß, aber etwas groß. Einer der Spieler boxt ihm in den dicken Bauch, das Maskottchen grinst immer noch. Mit seiner großen Hand haut es zurückt. Also, wenn die Nr. 7 gleich schlecht spielt, dann weiß ich woran es liegt. So einen Schlag steckt man nicht so einfach weg.
Das Maskottchen verlässt grinsend das Spielfeld und es geht weiter.
Anpfiff. Es steht 1:1 in der zweiten Verlängerung des WM-Halbfinalspieles Deutschland gegen Spanien. Verstohlen gucke ich schon wieder zu der Kekswerbung. Lecker, lecker. Matthias stößt mich an. Was ist denn nun schon wieder? Alle haben die Arme nach vorn gestreckt und machen „Ohhhhh….“, eine neue Welle der Euphorie ist im Anmarsch. Allerdings nicht nur so, um die Stimmung anzuheizen, sondern die Deutschen sind im Ballbesitz und sind dem gegnerischen Tor verdammt nah. „Ohhh…..“. Unsere Nr. 17, immer noch frisch und munter, bekommt den Ball zugespielt, schießt und Toooooooooor. Alle Arme schnellen hoch. Tor! Schnell schaue ich zur Anzeigetafel. Da steht „Toooor“. Ja, weiß ich doch. Nach meiner Berechnung sind noch 10 Minuten zu spielen. Die können lang sein. Himmel hilf, es muss bei einem 2:1 bleiben. Bitte, bitte. Aber beim Fußball hilft kein Bitten und kein Betteln es ist ein knallharter Kampf. Dabei fällt mir ein Spruch eines Kommilitonen ein, den er regelmäßig in der Mensa als so eine Art Tischgebet daherbetet: „ohne Mampf kein Kampf“. Ich verhungere hier noch. Die immer noch sichtlich angeschlagene Nr. 7 schnappt sich den Ball und läuft mit diesem etwas antriebslos über den Rasen. Die spielen jetzt auf Zeit, ist doch klar. Die haben auch Hunger und sind kaputt. Mir ist jetzt etwas langweilig. Bitte abpfeifen. Die restliche Zeit vertreibe ich mir mit ein paar Spielchen. Auf die Zehenspitzen stellen und dann wieder auf den ganzen Fuß. Das ist gut für den Kreislauf, außerdem habe ich Plattfüße vom Stehen. Wenn ich auf den Zehenspitzen stehe, dann bin ich fast so groß wie Matthias, fällt mir dabei auf. So mache ich weiter. Auf. Ab. Auf und wieder ab. Die Spieler laufen hin und her und die Spanier versuchen vergebens in die feindliche Spielhälfte einzudringen. Auf einmal höre ich ein Pfeifen. Das Spiel wird abgepfiffen! Das Spiel ist endlich zu Ende. Jubel bei den Spielern, jedenfalls bei den Deutschen. Die Deutschen jubeln mächtig. Das Spiel ist gewonnen! Ich kann es nicht fassen. Mein Tipp ist eingetroffen. Matthias und ich fallen uns in die Arme. Auch andere Menschen um uns herum nehmen mich in die Arme. So viele gute Freunde hatte ich noch nie auf einen Haufen. Alle umarmen wir uns, alle haben wir uns lieb. Jawohl, Fußball verbindet. Da hat man so ein Wir-Gefühl, es ist unbeschreiblich. Deutschland steht im Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland und ich durfte die Qualifikation dafür miterleben. Ich kann sehen und fühlen wie sie sich freuen, die Deutschen. Wie ICH mich freue.
„Also, ich schlage mal vor, wir machen uns so langsam vom Acker und suchen uns ein schönes Restaurant, schließlich müssen wir das feiern. Außerdem bist du jetzt ja eingeladen. Wettschulden sind Ehrenschulden, ist doch klar“, sagt Matthias, nimmt einfach meine Hand und zieht mich hinter sich her. Widerstand ist zwecklos.
Wozu auch? Vielleicht gefällt mir dieser Matthias ja sogar besser als Alex? Wenn ich es so überdenke, eigentlich ist der Alex ja total oberflächlich, wenn es ihm egal ist, mit wem von uns vier Mädels er ausgeht. Außerdem interessiert der sich auch gar nicht für Fußball, die Fußballwette hat er nur mitgemacht, weil er davon profitiert, einen Abend lang umsonst Essen und Trinken, da sagt der Alex nicht nein. Dabei macht es doch so viel Spaß gemeinsam ins Stadion zu gehen und die Mannschaft anzufeuern. Gemeinsam zu jubeln und sich zu freuen.
Matthias hält mich immer noch an der Hand und so langsam merke ich, wie mir warm wird. Theoretisch kann das auch mit der Außentemperatur zu tun haben, es IST warm. Aber das ist nur so eine Theorie, vielleicht liegt es auch an Matthias, aber nur vielleicht.
„Sag mal Matthias, wo kommst du eigentlich her?“
„Nicht aus Hamburg, und du?“
„Ich auch nicht. Aber wo kommst du denn dann her?“
„Aus Bielefeld. Spannend, oder? Ich weiß, „Hamburg – Tor zur Welt“ hört sich irgendwie cooler und weltoffener an. Na ja, kann ja noch werden. Und wo kommst du her, ich hoffe mal es ist nicht allzu weit von Bielefeld entfernt, damit wir uns mal treffen können.“
Treffen? Das hört sich gut an. „Hamburg – Tor zur Welt“ hört sich auch gut an, passt irgendwie. Und Bielefeld hört sich toll an, denn das ist nicht weit von Paderborn entfernt.
„Aus Paderborn“ antworte ich lachend und mir ist immer noch warm, obwohl gerade ein kühler Wind aufkommt.

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Mein erstes Fußballspiel

3. Mai 2010

Mein erstes Fußballspiel
© Friedrich Buchmann

Meine Geschichte handelt in der ehemaligen DDR. Wir schreiben das Jahr 1956. Ich war gerade 10 Jahre alt. Meine Eltern und ich wohnten in einer kleinen Bergarbeitersiedlung am Rande des Harzes direkt im Bahnhof. Unter dem Dach hatten wir zwei Zimmer. Mein Vater arbeitete auf dem Bahnhof.
Ich hatte einen Freund, den Klaus. Er war ein Jahr älter als ich. Mit Klaus lieferte ich mir sehr viele Fußballspiele. Wir spielten nach der Schule auf dem Bahnhofvorplatz immer Fußball. Neben dem eigentlichen Bahnhofgebäude war das Stückgutlager. Vor dem Stückgutlager war eine Rampe. Hier holten die Betriebe ihre bestellten Materialien ab. Damals gab es in der DDR noch nicht so viele Lastautos. Es wurde noch fast alles als Stückgut über die Reichsbahn verschickt. Da die Betriebe ihr Stückgut meist am frühen Morgen abholten, konnten wir nach der Schule dort Fußball spielen. Die Hälfte der Rampe diente als Tor. Gegenüber der Rampe in 25 Meter Entfernung stand ein kleines viereckiges Gebäude, aus rotem Backstein. Es war das Schmierlager der Eisenbahner für den Bahnhof. Hier waren Petroleum für die Signallampen und Schmierstoffe für die Weichen drin. Der Güterbahnhof war für unseren kleinen Ort ziemlich groß. Hier standen immer die Kohlezüge mit Briketts von dem Braunkohlenwerk des Ortes, die dann in die gesamte DDR verschickt wurde. Die Briketts brannten sehr gut und gaben wenig Asche. Ich musste des Öfteren dort, zwischen den Gleisen, Briketts suchen und brachte sie dann in den Keller. Beim Rangieren und beim Zusammenstellen der Züge ging schon einmal eine Wagontür auf und es fielen Briketts auf die Gleise. Manchmal half auch der Rangierer etwas nach. Die Briketts suchten dann die Eisenbahner des Bahnhofes auf und brachten sie nach Hause als Wintervorrat. Briketts gab es damals nur auf Karten. Wenn man mehr haben wollte, waren diese sehr teuer. Das konnte sich kaum einer leisten.
Also das Schierhäuschen aus Backstein war das andere Tor. Zum Glück für uns, war das Fenster in Schmierhäuschen zugemauert, so dass wir dort keine Scheiben zerschießen konnten. Hier spielten Klaus und ich immer Fußball. Wir lieferten uns regelrechte Fußballduelle. Es ging heiß her. Wehe, man ließ einen Ball abprallen, es wurde meistens ein Tor für den Gegner. Der Platz war gepflastert, darum hatten wir oft Schürfwunden. Auch machte ich sehr viele Strümpfe kaputt. Damals hatte man in der kalten Jahreszeit, als Kinder, „Kurze Hosen“ und „Lange Strümpfe“ an. Abends bekam ich von meiner Mutter meistens Schimpfe. Es blieb nicht aus, dass man bei einem Spiel hinfiel und sich ein Loch in einen Strumpf riss. Sie kam mit dem Stopfen der Löcher in den Strümpfen gar nicht nach. Ich musste mich, nach dem ich aus der Schule kam und auf der Straße spielen wollte, immer gestopfte Strümpfe anziehen. Wir hatten ja damals nicht soviel Geld, um immer neue Strümpfe zu kaufen. Übrigens bekam man sie im Geschäft auch kaum. Oma und Opa wohnten im Westen und schickten uns des Öfteren ein Päckchen, darum ging es uns auch etwas besser. Von Oma hatte ich auch den Lederball. Ein Lederball zu haben, dass war schon ein großer Luxus für ein Kind.
So spielten wir jeden Tag auf unserem Bahnhofvorplatz, oder besser gesagt vor dem Stückgutlager, Fußball. Zuschauer hatten wir auch. Gegen 14.30 Uhr kamen die Arbeiter, die Kumpels vom Braunkohlenwerk und wollten mit dem Zug nach Hause in ihre Orte fahren. Der nächste Zug fuhr aber erst nach 15.00 Uhr. Viele schauten zu und feuerten uns an. Ein großer Teil der Kumpels gingen auch in die Bahnhofkneipe.
An einen Abend, wir spielten wieder auf dem Bahnhofsplatz Fußball, da kam ein E- Karren aus dem Braunkohlenwerk und wollte aus dem Stückgutlager Materialien abholen. Der Fahrer des E-Karrens fragte uns, ob wir nicht einmal am nächsten Tag auf den Fußballplatz kommen wollen. Die
Schülermannschaften des Ortes hatten dort Training. So kam ich in den Fußballverein des Ortes. Schluss war es mit den Strümpfe zerreißen. Meine Mutter gab mir gerne die 20 Pfennige Monatsbeitrag für den Verein, denn sie brauchte viel weniger Strümpfe zu stopfen.
Der E-Karrenfahrer war der Betreuer der Schülermannschaft. Ich war glücklich und spielte ab sofort in der 2. Schülermannschaft. Aber ich hatte ein Problem und mit mir viele andere Kinder meiner Mannschaft. Wir hatten keine Fußballschuhe. Wir spielten mit Turnschuhen oder mit ganz normalen Straßenschuhen. Keine Eltern konnten sich Fußballschuhe für ihre Kinder leisten. Ich hatte Volleyballschuhe. Meine Oma aus dem Westen hat sie mir geschickt. Diese Schuhe zog ich immer an, wenn ich auf den Fußballplatz Fußball spielte. So trainierten wir 3 Mal in der Woche und die anderen Tage spielten wir auf der Wiese hinter den Fußballplatz, Fußball. Ich war in meiner Freizeit nur noch auf dem Fußballplatz.
Eines Tages, ich war vielleicht ein knappes Jahr in den Verein und es war kurz vor Pfingsten, da fragte mich unser Betreuer, ob ich Pfingsten Zeit hätte. Er sagte zu mir, ich könnte mit der 1. Schülermannschaft mitspielen. Es ging Pfingsten in die Kreisstadt zu einem Fußballturnier. Die 1. Schülermannschaft wurde für das nächste Jahr neu aufgestellt. Als er das fragte, schlug mein Herz immer schneller. Es war für mich ein Traum in der 1. Schülermannschaft zu spielen. Natürlich sagte ich mit Freuden ja. Welch eine Frage? Doch ich hatte das Problem mit den Fußballschuhen. Meine Mutter musste mir meine Volleyballschuhe waschen, da die Schnürsenkel aus Sackband bestanden, borgte ich mir von Klaus, aus seien Skischuhen, die Schnürsenkel. Er wollte sie mir erst gar nicht geben, denn Herr Schmitt, der Betreuer, hatte Klaus zu den Pfingstturnier nicht eingeladen. Doch er gab sie mir nach einigen betteln.
Ich zählte die Tage. Die Zeit verging nicht. Ich wurde vor Aufregung richtig krank. Doch dann war es so weit. Pfingstsonntag, frühmorgens um 8.00 Uhr sollten wir uns auf den Sportplatz treffen. Ich war natürlich schon um Halbacht da. Gefrühstückt hatte ich nichts. Meine Mutter machte mir zwei belegte Schnitten mit selbst geschlachteter Leberwurst. Die Wurst aß ich für mein Leben gerne, aber ich hatte keinen Hunger. Die Schnitten packte ich in Papas Brotbüchse und nahm sie mit. Kurz vor 8.00 Uhr waren alle meine Fußballfreunde da. Auch Herr Schmitt, unser Betreuer, mit seiner Frau. Dann kam ein LKW mit Plane. Der kam vom Braunkohlenwerk. Auf den LKW waren ganz einfache Holzbänke. Wir stiegen alle auf. Herr Schmitt hatte noch einen großen Koffer und einen zugebunden Sack. Schmiss diese auf den LKW. Frau Schmitt und Herr Schmitt setzten sich an die Enden der Bänke zur Ladefläche, dann machte der Fahrer die Ladeluke zu und ab ging es.
Unser Verein war eine Betriebssportgemeinschaft. Der Träger war das Braunkohlenwerk. Darum stellte das Werk auch den LKW. Wie lange wir gefahren sind, weiß ich nicht. Es kam mir ziemlich lang vor. Dann kamen wir auf den Lok-Fußballplatz in der Kreisstadt an. Für mich einfach toll. Lok, so hieß der Fußballklub der Kreisstadt. Es war auch wunderbares Wetter. Kein Fritz-Walter-Wetter. Es war sogar ein Rasenplatz, auf den gespielt wurde. Wir zogen uns auf einer kleinen Wiese neben den Fußballplatz um. Diese Wiese lag in der Einzäumung des Fußballplatzes. Zuerst machte Herr Schmitt den Koffer auf und gab jeden ein Trikot. Ich fand das einfach herrlich. Wir hatten schwarze Hosen, gelbe Hemden und gelbschwarz geringelte Stutzen. Die Trikots hatte auch das Werk spendiert. Für mich alles ein bisschen zu groß, denn ich war klein. Aber die Trikots waren wunderschön. Frau Schmitt half mir beim anziehen der Stutzen und gab mir zwei Bändchen, damit ich diese binden konnte. Ich wollte gerade meine Volleyballschuhe anziehen, als Herr Schmitt den Sack aufmachte. Dann kippte er den Sack aus. Es kamen richtige Fußballschuhe zum Vorschein. Er fragte jeden nach seiner Schuhgröße und verteilte dann die Fußballschuhe. Ich bekam auch ein Paar. Sie waren mir zwar auch eine Nummer zu groß, aber das machte nichts. Ich war einfach stolz. Es waren zwar keine neuen Fußballschuhe, aber Fußballschuhe. Ich hatte richtige Fußballschuhe an. Ich lief ein bisschen hin und her, was für ein Gefühl zu spüren, Fußballschuhe anzuhaben.
Dann mussten wir gegen eine Mannschaft aus dem Nachbarkreis spielen. Herr Schmitt stellte mich als Linksaußen auf. Es war mein erstes richtiges Fußballspiel. Wir verloren 13:0 Alle waren sehr niedergeschlagen. Nur Herr Schmitt sagte zu uns: „Aller Anfang ist schwer“! Das zweite Spiel spielten wir gegen Lok. Auch hier verloren wir 8:0. Wieder war unsere Stimmung im Keller.
Aber Herr Schmitt meinte zu uns: „Es waren schon 5 Tore weniger, als das erste Spiel“. Dann spielten wir gegen eine Mannschaft aus dem Harz. Das Spiel endete 0:0. Herr Schmitt gab uns allen eine Brause aus. Wir hatten, das erste Mal nicht verloren. Das letzte Spiel ging dann um Platz 7 und 8. Es gab bei diesem Turnier zwei Staffeln. Wir waren Letzter in unserer Staffel und spielten gegen den Letzten der anderen Staffel. Das Ergebnis war nach Abschluss des Spieles 2:2. Meine Klassenkameraden Uwe und Dieter hatten je ein Tor geschossen. Beide Mannschaften wurden auf Platz 7 gesetzt. Wir redeten uns ein, nicht Letzter zu sein. Nach diesem Spiel mussten wir die Trikots und Fußballschuhe wieder abgeben. Die Schuhe kamen in den Sack und die Trikots in den Koffer. Am späten Nachmittag waren wir zu Hause. Meine Eltern fragten mich, wie es gewesen sei. Ich sagte nur, wir haben den Platz 7 erreicht, dass wir eigentlich Letzter waren, verschwieg ich. Im Sommer trainierten wir fleißig. Herr Schmitt hatte viel Geduld mit uns. Wenn ich jetzt darüber so nachdenke, muss ich Herr und Frau Schmitt ein hohes Lob zollen. Alle Tätigkeiten für den Fußball in ihrer Freizeit und dann noch am Wochenende zu den Spielen von uns. Frau Schmitt wusch unsere Trikots. Wir gaben es ihnen aber zurück. Wir entwickelten uns zu einer sehr guten Schülermannschaft. Herr und Frau Schmitt betreuten uns noch bis zu A-Jugend. Dort standen wir sogar im Finale zum Bezirkspokal.
Leider hatte der Verein von uns nicht viel. Als wir die 1. Männermannschaft verstärken sollten, wurden von unserer Mannschaft 10 Mitspieler zur Armee gezogen und somit die gute Arbeit des Herrn Schmitt kaputt gemacht. Aber eine Genugtuung hatte das Ehepaar Schmitt doch. Uwe schaffte es bis in die Oberliga. Oberliga war damals die höchste Spielklasse in der DDR.

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Fußballgeschichte Bahn Würstchen

3. Mai 2010

Bahn fahren ist nichts für Würstchen
© Kornelia Jäger

85.999 Zuschauer und ich im ausverkauften Westfalenstadion. Punkt 15.00 Uhr hatte ich meinen Sitzplatz auf dem Oberrang der Nordtribüne erreicht, frisch gestärkt mit einem halben Liter Cola und einem Bratwürstchen vom Allerfeinsten. Zugegeben, wäre zu diesem Zeitpunkt ein Sanitäter in der Nähe gewesen, wäre ich wohl erst einmal auf Atemnot behandelt worden, schließlich lagen Treppenstufen hinter mir, die vergleichbar mit der Besteigung des Mount Everest waren. Egal, der Blick auf mein direktes Gegenüber ließ mich den beschwerlichen Aufstieg sofort vergessen. Ein Meer aus schwarzgelben Fahnen wog sich im Takt zum Klang „Einzug der Gladiatoren“, während diese tatsächlich auf dem Rasen einliefen. Die erste Gänsehaut war fällig. Leider war auch schon die Cola fällig. Abstieg, Beeilung, Aufstieg. Gerade noch rechtzeitig zurück auf meinem Platz angekommen, zum Stadionbrüller „You never walk alone“. Nass geschwitzt, den Borussenschal wiegend zwischen die weit ausgebreiteten Armen, musste für den Moment ein Playback reichen, denn der Kloß im Hals wollte einfach nicht hinunter rutschen. Dafür rutschte die zweite Gänsehaut über meinen Rücken und das schwarzgelbe Meer verschwand im aufsteigenden Wasserspiegel meiner Augen. Mensch Meier, alleine dafür hatte sich dieser Nachmittag gelohnt, Emotionen pur!
In den nächsten 90 Minuten durchlebte ich beinahe die gesamte Gefühlspalette. Ärger über den Schiedsrichter, Verzweiflung ob der verpatzten Chancen, Panik beim Konterlauf der Gegenmannschaft, Schadenfreude beim Verstolpern desselben, Freudentaumel beim Siegtreffer. Kaum zu glauben, welche emotionale Belastung ein Körper aushält. So war es nur gut gewesen, dass ich die Halbzeitpause zur kurzen Entspannung und zum Fortbringen der restlichen Cola nutzte.
Abpfiff! Noch kurz die letzten bewegenden Eindrücke aufsaugen und dann Abmarsch in Richtung Bahnsteig. Jetzt kam es auf Sekunden an. Die reinste Völkerwanderung begab sich auf die Heimreise. Ich behaupte mal 47.999 und ich hatten sich für die Zugfahrt entschieden. Die Ursache lag darin begründet, dass die Wahl der meisten im Stadion wohl nicht auf das Getränk Cola gefallen war. Oh prima, heute war ich wirklich in Form. Ich hatte in diesem schwarzgelben Menschenknäuel eine spitzen Ausgangsposition erobert, welches mir die berechtigte Hoffnung machte, gleich den ersten Zug zu erwischen. Da kam er auch schon. Nun war einheitlicher Sportsgeist gefordert! Rechter Flügel drückt linken Flügel nach links und linker Flügel drückt rechten Flügel nach rechts. Achtung! Türen auf. Gesamte Mannschaft zum Sturm auf die Wagons! Das war knapp, ich hatte es soeben als Vorletzter geschafft. Irrtum, hinter mir drängten noch weitere fünfzig Leute hinein. Erstaunlich, wie viel Platz ein einziges Bahnabteil bietet, wenn eine Ansammlung Gleichgesinnter sich Mühe gibt, alles bis auf den kleinsten Winkel zu nutzen. Frei Durchatmen, vermutlich vorläufig zum letzten Mal. Die Türen schlossen sich. Nun bräuchte es zehn Minuten zum nächsten kollektiven Ziel, Dortmund Hauptbahnhof. Durchhalten war jetzt die Parole. Für einen Moment schloss ich die Augen um mich fiktiv auf eine einsame Insel zu schicken. Gedanklich auf dieser Insel stimmte ich sicherheitshalber ein Lied an. „Alles hat ein Ende nur die Wurst hat zwei …“ Um Himmels willen, nur nicht Wurst! Plötzlich wurde mir übel. Die Einzelteile meines vor Stunden verspeisten Bratwürstchens schienen sich gerade wieder in ihre Ausgangsform zu formieren und drängelten die Magenschleimhaut hoch. Blitzschnell machte ich die Augen auf, versuchte zu retten was zu retten war. „Schön den Bauch einziehen!“, befahl ich dem, der geradlinig vor mir klebte. Ich befürchtete, wenn dieser Koloss von Fan ausatmen würde, würde sein verschluckter Medizinball dem Würstchen den letzten Anstoß geben. Er versuchte Folge zu leisten. Meine schräglinke Stütze hauchte mir währenddessen ein „Waaaa das nich schööön“ unter die Nase. Wow, der Alkoholspiegel hätte für uns beide gereicht. Mir wurde zwar davon nicht besser, aber für einen Augenblick war es mir egal, ich vertrage ja nicht viel. Dem Würstchen hingegen war es ganz und gar nicht egal. Es war auf dem besten Wege als Erster die Freiheit zu erlangen. Da kam mir meine querrechte Stütze zur Hilfe, indem ihm kurz die Beine versagten, ich ruckartig mitkippte und so das Würstchen zurück auf die Startposition schleuderte. Auf gar keinen Fall wollte ich, dass es eine weitere Gelegenheit bekommt mich hier und jetzt zu blamieren. Also nahm ich fest entschlossen mentalen Kontakt zu diesem Übelmacher auf. „Allesamt in diesem Abteil leiden unter Platzmangel, Raumknappheit, Bedrängung, aber allesamt sind auch tapfer genug sich nicht von der Stelle zu bewegen und da zu bleiben wo sie sind, das gilt auch für dich, basta!“ Und ich schwor mir den Eid: „Wenn ich es schaffe dieses Würstchen unter Kontrolle zu halten, werde ich mir DAS hier nie wieder antun. Nie wieder im Leben!“
Just in diesem Moment rollte der Zug in den Hauptbahnhof ein. Die Türen öffneten sich. Ich und das Würstchen hatten es überstanden.
Der Eid jedoch hielt nicht lange an. Beim nächsten Heimspiel des BVB’s war ich wieder dabei und hatte mich auch wieder für die Eisenbahn entschieden. Diesmal jedoch ohne eine Bratwurst zu essen. Seit damals reise ich nämlich allein, denn Bahn fahren ist nichts für Würstchen!

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Hilfe, die Oma kickt!

16. April 2010



Hilfe, die Oma kickt!
© Birge Laudi

Sprachlos starrte er sie an. Dann machte er kehrt und rannte davon.
„Die spinnt“, flüsterte er. „Die spinnt total. Hoffentlich sieht sonst niemand, was meine Mutter da macht.“
Die alte Dame aber, die seine Mutter war, dribbelte unbeirrt weiter, ohne ihren Sohn eines Blickes zu würdigen. Vielleicht hatte sie ihn nicht einmal bemerkt. Begütigend klopfte sie auf ihr linkes von Arthrose schwer verformtes Knie.
„Na komm schon. Nur noch ein paar Minuten, dann machen wir Pause.“

Roland Bock, einst im ganzen Umland als der rasende Roland vom FC Freitag bejubelt, kaute ingrimmig an seiner Midlifecrisis. Er hatte nichts mehr in seinem Fußballclub zu melden und die Jungen lachten nur, wenn er von den Spielen vergangener Jahre schwärmte. Erschien er beim Training, stöhnten sie nur: „Kommt der alte Sack doch schon wieder.“
Und nun das!
Er hatte nur rasch bei seiner alten Mutter vorbeischauen wollen. Wollte hören, ob er und seine Familie wie gewohnt am Sonntag zum Mittagessen bei ihr willkommen seien.
„Sie kocht doch so gern“, hatte er zu seiner Frau gesagt und die war es zufrieden, mal nicht am Küchenherd stehen zu müssen. Ihre alte Schwiegermutter, die buckelte gerne für die Familie und schien neben ihrer kleinen, inzwischen aufgegebenen Landwirtschaft nichts anderes zu kennen als die drei frauentypischen K: Kinder, Küche, Kirche.
Nun aber dies! Plötzlich schien das über viele Jahre gewohnte Bild von der Mutter einen Riss bekommen zu haben. Unbemerkt von Sohn, Schwiegertochter und Enkelkindern musste sie verrückt geworden sein.
Den bäuerlich derben Faltenrock aus längst vergangenen Tagen hatte sie hoch gerafft, den Saum in den Bund gestopft und ungeniert den Blick auf ihre verkrümmten Beine mit den knotig verdickten Knien freigegeben. Die Füße steckten in Rolands ersten und heißgeliebten Fußballschuhen aus seiner Zeit als rasender Roland vom FC Freitag.
Unfassbar!
Vor der Scheune, dort wo in früheren Jahren die Hühner friedlich pickend umhergewandert waren, die Katze in der Sonne ihr Fell hingebungsvoll geputzt und der Vater bis zu seinem Tod mit der Schubkarre den Mist vom Haufen vor dem Stall auf den Kartoffelacker hinter der Scheune gefahren hatte, auf diesem heiligen Platz der Erinnerungen aus Kindertagen standen nun Eimer, Kanister, Flaschen und anderes Gerümpel in sorgsam angeordneten Abständen und zwischen diese hindurch rollte Rolands alter Fußball, angetrieben von geschickten Manövern seiner Mutter. Ihr graues Haar lugte wirr unter dem Kopftuch hervor und die Wangen waren von der Bewegung in der kühlen Morgenluft gerötet.
Kinder, Küche und Kirche schienen vergessen. Wichtig war lediglich der zerschlissene Fußball seiner Jugendzeit.
Voller Entsetzen berichtete Roland Bock das Gesehene seiner Frau. Die lauschte ruhig und saß dann lange nachdenklich da, starrte aus dem Fenster und blieb ihrem Mann die erhoffte Empörung schuldig.
„Ich frage mich, wie sie auf diese hirnrissige Idee gekommen ist.“
Roland konnte sich einfach nicht beruhigen.
„Ja“, pflichtete ihm seine Frau bei, „ja, das frage ich mich auch.“ Und statt einer Beunruhigung über die Möglichkeit eines plötzlich aufgetretenen Irrsinns, stahl sich ein Lächeln in ihre Augen. „Ja, mein Schatz, ich frage mich auch, wer sie auf diese Idee gebracht hat. Gar nicht schlecht, muss ich sagen. Nein, wirklich. Gar nicht schlecht.“
Damit stand sie auf, zog ihre dicke Jacke gegen den kalten Frühlingswind an und verließ Mann, Kinder und heimischen Herd ohne ein Wort der Erklärung.
Als sie bei dem kleinen Bauernhaus ihrer Schwiegermutter ankam, lag der Hof verlassen und leer da. In einer Ecke vor dem Scheunentor standen ordentlich aufgereiht ein paar leere Kanister, Eimer und Flaschen. Eine Katze strich über den Hof. Die Spatzen schilpten und badeten im warmen Sand in der Morgensonne. Von Oma Ida keine Spur.
Lisbeth Bock klopfte an die unversperrte Tür, machte sie einen Spalt auf und rief hinein: „Oma Ida, ich bin’s, die Lisbeth!“
„Oh Kindchen, schön, schön. Komm rein. Ich bin in der Küche.“
Also doch Kinder, Küche …, dachte Lisbeth. Doch heute anscheinend keine Kirche.
„Du bist heute ja gar nicht in der Kirche.“
„Ach weißt du Lisbethchen, mir war mehr nach Kickern als nach Kirche.“
„Kickern? Meinst du Fußballspielen?“
„Ja, hat dir dein Roland nichts erzählt? Er stand doch vor einer guten Stunde kurz bei mir im Hof und ist dann ohne ein Wort wieder weggelaufen. Ich wollte ihm noch sagen, dass ich heute keine Lust habe zu kochen.“
„Das trifft sich gut. Ich wollte dich sowieso einladen, bei uns zu essen. Die Kinder wollen ein Brunch machen.“
„Und was bitteschön ist ein Brantsch?“
Lisbeth und ihre Schwiegermutter unterhielten sich noch eine Weile über all die neuen Ausdrücke und Gewohnheiten, mit denen die alte Frau ihre Schwierigkeiten hatte. Dann verabschiedete sich Lisbeth von Oma Ida. „Also dann, bis in zwei Stunden.“
Beide Frauen hatten um den Brei herum geredet, wie man so sagt. Das Thema Fußball war nach der kurzen Bemerkung über das Kickern statt des Gottesdienstbesuchs nicht mehr berührt worden. Lisbeth hatte bei ihrer Schwiegermutter nichts entdecken können, was auf geistige Umnachtung hätte schließen lassen. Sie selber aber hatte nun die schwere Aufgabe, ihre Kinder zu überreden, ihr bei der Vorbereitung für ein Brunch zu helfen.
Es wurde eine fröhliche Mahlzeit. Nur der einst rasende Roland war still und in sich gekehrt. Als die Schlacht geschlagen war und man nun nicht mehr mit Suppen und Salaten, Braten, Kuchen und Eiskrem beschäftigt war, lehnte sich Lisbeth entspannt zurück.
„So, Oma Ida, und jetzt erzähl bitte, warum du mit dir allein auf dem Hof Fußball spielst.“
„Hilfe!“, quiekte die zehnjährige Sarah. „Die Oma kickt!“
„Na und? Ist doch ganz normal.“ Oma Ida sah ihre Enkelin dabei streng an.
Der einst rasende Roland mischte sich ein und kam seiner Tochter zur Hilfe. „Na hör mal, Mutter. So ganz normal ist das doch nicht, dass du als 70-Jährige dir auf dem Hof einen Parcours aufbaust und um Flaschen herumdribbelst. Und das in meinen alten Fußballschuhen.“
„Oma, stimmt das? Übst du wirklich Fußballspielen?“
Sarahs Bruder Chris war plötzlich hell wach und höchst interessiert.
„Ja, das stimmt. Warum sollte ich das nicht tun. Der Arzt hat mir geraten, mich mehr an der frischen Luft zu bewegen. Sollte ich mich lächerlich machen und mit zwei Stöcken durch den Wald rennen? Da musste ich mir eben was Besseres einfallen lassen.“
„Wie aber bist du ausgerechnet auf Fußball gekommen?“
„Das ist doch nicht so weit hergeholt“, lachte die Alte. „Wo doch der rasende Roland mein Sohn ist.“
„Na ja. Erstens rast er nicht mehr“, wandte Lisbeth ein, „und zweitens hättest du dann schon viel früher mit deinem Fußballtraining anfangen können.“
Oma Ida war des Themas längst überdrüssig, doch da ihr Enkelsohn ehrliches Interesse an ihrem Fußballspiel zu haben schien, erzählte sie endlich, wie sie überhaupt auf die Idee gekommen war.
„Wie gesagt – als sogenannte Stockente wollte ich nicht durch Wald und Flur rennen und da kam mir eine Fernsehsendung gerade recht. Ich habe eine Reportage über die Fußballbegeisterung in Südafrika gesehen und über einen seltsamen Fußballclub in einem der armen Vororte von Johannesburg. Dort haben sich alte Frauen zu einem Fußballclub der Omas zusammengetan, nachdem auch ihnen die Ärzte Bewegung verordnet hatten. Sie hätten ein Leben lang nur Kinder und Enkel großgezogen, vor ihren einfachen Behausungen am Kochfeuer gehockt und Brei gerührt und nun seien sie zu dick und litten unter Arthrosen und Diabetes und manch anderer Erkrankung. Da den armen Leuten in Johannesburg aber kaum möglich ist, in einen Fitnessclub zu gehen, haben sie begonnen Fußball zu spielen. Einfach so. Auf einem leeren Platz hinter ihren Hütten. Schließlich hatten sie sogar einen Trainer gefunden, der ihnen die Spielregeln beibrachte. Das hat inzwischen Aufmerksamkeit bei den Medien erregt, selbst wenn die Männer erst einmal darüber gelacht haben.“
Bei ihren letzten Worten blickte Oma Ida scharf ihren Sohn an, aber niemand lachte mehr über ihre ungewöhnliche sportliche Betätigung.
Lisbeth sah nachdenklich ihre Schwiegermutter an. Dann sagte sie: „Ich hätte da eine Idee …“

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Buchtipp: In dem folgenden Buch findet sich Birge Laudis Kurzgeschichte „Das Buschmannohr“; im Zusammenhang mit der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika ist dieses Buch eine ideale Lektüre.

Erzähl mir was von Afrika
Erzähl mir was von Afrika

Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-2-9

Das Buch
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»»» eBook im epub-Format

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Vermächtnisse

12. April 2010
Der Mann der vergewaltigt wurde

Der Mann der vergewaltigt wurde

Leseprobe aus dem Buch

Der Mann, der vergewaltigt wurde
und andere Geschichten

Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-8-1
»»» auch als eBook im epub-Format





Vermächtnisse
© Susanne Weinhart

Ich wusste nicht, ob ich meine Eltern vorbereiten sollte. Die ganze Fahrt nach Regensburg kämpfte es in mir, schlugen ein paar aufgepumpte Bälle gegen mein Gewissen, dieses mit den Jahren immer großmaschigere Tornetz. Allerdings traute ich meinem Großvater alles zu. Auch, dass er mich angelogen hatte. Foul an der Mittellinie quasi.

Es war schneeflockenstill im Auto, zu still für vier Personen. Der Tod hatte die Familie gestreift, besucht, hatte mitgenommen. Wieder etwas für seine calciumreiche Trophäensammlung. Mein Vater schaltete nervös das Radio an. Aus. An. Aus. An. Was hatten die auszackenden, sinusförmigen Kurven des Displays zu sagen, in nekrologischer Hinsicht? Viel. Nichts. Vor allem Yeah-Yeah-Yeah. Ich hatte Schwierigkeiten, an den Großvater zu denken. Der Stadionlärm fehlte, seine akustische Hängematte, das alte Radio in der Küche, das noch mit dicken Batterien lief und gebirgsbachartig rauschte. Davor war er bei meinen letzten spärlichen Besuchen immer gesessen, meistens waren es knarzige Cassettenaufnahmen von „Heute im Stadion“, ich betrat das gelbe, niedrige Zimmer und wurde mit einem „Pssscht“ begrüßt und einem herrischen Kopfnicken, das besagte: Sofort hinsetzen und wontorragenaue Spielanalyse. Lass die Eckfahnen flattern. Dann saßen wir zwei da, während die Eltern mit der Großmutter in Richtung Steinerne Brücke spazieren gingen, mit anderen Worten: vor der Versteinerung in die Versteinerung flohen. Großvater drehte wild an der Antenne herum, schrie gegen den tor-tor-toaaarrr-schreienden Gebirgsbach an und sprach jedem Spieler des FC Bayern nach ein paar bebenden Sekunden die Bundesligareife ab. So etwas wie ein guter Spieler existierte nicht mehr. Als das Spiel vorbeigerauscht war, haute der Großvater auf das scheinbar geschrumpfte Radio und grummelte in seinen getigerten Jesusbart hinein.

„So wird das nie was“, meinte er ingrimmig.

„Aber das Spiel war doch von 1997“, entgegnete ich.

„Egal – so wird das nie was. Dortmund ist denen auf den Fersen.“

„Nicht diese Saison.“

„Egal – denk an Dortmund. So wird das nie was.“

Dortmund war für meinen Großvater das, was Carthago für den alten Cato war, der seine Reden im Senat mit einem „Ceterum censeo Carthaginem esse delendam“ beendete. Dortmund war der Feind, der jederzeit in einer dunklen Ruhrpott-Ecke lauerte, um über den FC Bayern im Hunnenritt herzufallen und deswegen dringend auf 40 Punkte Abstand gehalten werden musste. Am besten wäre natürlich Exil gewesen, sprich: 2. Bundesliga, persönliches Utopia. Der gelb-schwarze Mund aus „Dort-Mund“ war zu groß, zu gefräßig. Der BVB-Gewinn der Champions League 1997 klumpte sich in Großvaters gebeutelter Gefühlswelt zu Black Friday, Waterloo und Untergang der Titanic in einem zusammen. Ich glaube, getröstet hat ihn damals nur die Tatsache, dass Ottmar Hitzfeld danach als Trainer bei Bayern München anheuerte. Davon versprach er sich einiges, um den „Mund“ des „Kohlekumpelvereins“ zu stopfen.

Furchtbare Tiefs fielen nach jedem Spiel, unabhängig vom Ausgang, über den Großvater her, und ich war jedes Mal erleichtert, wenn meine Eltern nebst Großmutter zurückkamen und das zähe Gespräch in Richtung fleischiges Abendessen und Sabine Christiansens „Lattenzaunbeine“ lenkten. Lattenzaunbeine, ein Wort, das ich nur in der Von-der-Tann-Straße hörte, danach nie mehr.

„Da seid ihr ja wieder, wie Falschgeld“, hieß er sie willkommen und schaute drei Minuten grübelnd in den sperrangelweit aufgerissenen Kühlschrank, bis ihn die Großmutter an seinem rot-blauen Deutscher-Meister-FCB-Schal wegzerrte, bevor er mit den in Hamsterkäufen erworbenen eingeschweißten Goudaecken jonglieren konnte, was er in fußballerischer, tranceartiger Erregung gerne tat: „Abmarsch!“

Der Abschied fiel unwirsch und grummelig aus und in den im Flur zu wabern beginnenden Küchendunst hinein, meine Eltern waren beide berufstätig und drängten zur Heimfahrt, was mein Großvater jedes Mal persönlich nahm, sodass er beide ab den ersten Aufbruchssignalen komplett ignorierte und mich für alle Zeiten verdorben sah. Zumal mein Vater schüchterner Fan von 1860 München war, ein Verräter in der eigenen Familie. Er könnte den genetischen Defekt weitergeben – out of Regensburg.

„Nimm das mit Dortmund nicht auf die leichte Schulter, Mädchen“, riet er mir dann bitter, „die kommen aus dem Nichts.“ Ich musste damals manchmal ziemlich dumm geschaut haben. Vorsichtig blickte ich nach allen Seiten, was da alles aus dem Nichts käme. Dortmund – das war die Allmetapher für die Dinge im Leben, die am Tor vorbeiliefen.

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Der Mann, der vergewaltigt wurde
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Fußballträume

12. April 2010



Fußballträume
© Martina Decker

Warm scheint die Frühlingssonne durchs Fenster in sein Zimmer.
Jan kritzelt eilig das Ergebnis der letzten Rechenaufgabe ins Heft. Er will zum Bolzplatz. Dort treffen sich jeden Nachmittag die Jungs zum Fußball spielen.

Jan träumt davon, einmal ein großer Fußballstar zu sein. So einer wie der Beckham oder van Robben. Er würde dann bei Real spielen oder bei ManU, in der Bundesliga mit den Bayern Meister werden. Und natürlich würde er in der Nationalmannschaft für Deutschland die wichtigen Tore schießen.
Jans Blick geht zu dem großen Poster an der Wand über seinem Bett: Jogi Löw und die Nationalelf. Sie lachen ihn an.
Jan hat auch so ein Trikot. Das hat ihm Oma zu Weihnachten geschenkt. Die Nummer 10 – Podolski. Leider! Gewünscht hatte er sich „den Ballack“.
Aber Oma ist abergläubisch und hat gesagt, dass die 13 Unglück bringt.

Jan seufzt, während er seine alten Turnschuhe anzieht und den Klettverschluss fest zuzieht. Wahrscheinlich darf er heute eh wieder nicht mitspielen.
Der dicke Richard hat nämlich zu seinem Geburtstag letzte Woche einen echten Lederball geschenkt bekommen. Seitdem ist er der Chef auf dem Bolzplatz und teilt die Mannschaften ein. Jan darf nur noch zugucken.
„In meiner Mannschaft und mit meinem Ball spielen keine Zwerge! Du kannst dir doch noch nicht einmal alleine die Schuhe zubinden“, hatte Richard gemeint und ihn weggeschubst.
Die anderen hatten betreten zu Boden gesehen. Von den anderen Jungs war keiner bereit, ihm zu helfen. Jeder hatte Angst, Richard würde auch ihn nicht mehr mitspielen lassen.
Feiglinge!

Mit einer Wasserflasche und einer Tüte Bonbons macht Jan sich auf den Weg. Der Bolzplatz liegt am Ortsrand hinter einer hohen Hecke.
Die anderen sind schon da. Sie stehen in einer Reihe und Richard teilt die Mannschaften ein. „Du bei mir … du … du auch … du nicht …“ Mit lang ausgestrecktem Zeigefinder deutet er auf die Auserwählten.

Sehnsüchtig schaut Jan auf das runde Leder unter Richards rechtem Fuß. Vielleicht würde gleich während des Spiels jemand den Ball weit ins Aus treten. Dann konnte er hinlaufen, ihn wenigstens einmal in die Hand nehmen und vorsichtig zurück aufs Spielfeld schießen.

„Anstoß!“, brüllt Richard und dribbelt geschickt seinen Gegenspieler aus. Schnell steht er vor dem gegnerischen Tor. Lutz hüpft aufgeregt hin und her. Er ist ein schlechter Tormann. Daran ändert auch das tolle Torwarttrikot nichts. „Diesmal halte ich ihn!“, ruft er Richard zu. „Der geht nicht rein!“
Richard lacht laut. „Das glaubst du doch wohl selbst nicht.“

Gerade, als er so richtig abziehen will, grätscht Michael ihm von hinten in die Beine. Richard stürzt wie ein gefällter Baum zu Boden.
„Foul! Foul!“, schreit Jan entrüstet von der Seitenlinie.
„Quatsch! Ich habe den Ball gespielt!“ verteidigt sich Michael. Versöhnlich hält er Richard seine Hand hin. „Echt, das war kein Foul!“
Aber Richard ist sauer. Zornig schlägt er Michaels Hand aus und betrachtet sein aufgeschrammtes Knie. „Wo ist mein Ball!“, schreit er wütend. Die anderen sehen sich suchend um.
„Hier!“ Mit beiden Händen hält Jan ihm den Ball hin. „Ist ein klarer Elfer für dich!“, meint er und hält tapfer Richards Blick stand. Ob der ihn jetzt verhauen wird, weil er seinen Ball angefasst hat?
Richard schaut im ersten Moment erstaunt, dann aber grinst er breit. „Seh’ ich genauso. Kleiner. Bist scheinbar doch ganz ok und hast Ahnung!“ Er hält ihm die Hand hin. Jan legt den Ball zur Seite und hilft Richard auf. Gehört alles zum Fair Play! Genauso machen es die Jungs in der Bundesliga auch.
Richard schaut ihn von oben herab an. „Willste mitspielen?“
Jan nickt. Vor Überraschung bekommt er kein Wort heraus.
„Dann mal los!“ Richard greift sich den Ball und schaut die anderen an. „Gut, Jungs! Es geht weiter. Micha, du bist raus.“
„Was? Aber ich … Richard, das ist …“ Michael ist sich keiner Schuld bewusst.
„Halt die Klappe!“, raunzt Richard ihn an. „Der Kleine spielt jetzt mit!“ Er humpelt zum Elfmeterpunkt. Lutz spuckt in seine Handflächen und reibt sie aneinander. Die anderen bilden einen Halbkreis um das Tor. Michael bleibt etwas abseits am Spielfeldrand stehen. Richard hat noch nie einen Elfer verschossen.
„Pass auf, Lutz!“, ruft Richard dem Tormann zu, als er sicher ist, dass alle zusehen. „Gleich spürst du nur noch einen Lufthauch.“

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