Alfons Pillach: König Fußball

27. Juni 2011

König Fußball
© Alfons Pillach

Fußball ist nicht nur ein Wort,
Fußball ist auch nicht nur Sport.
Fußball ist in seinem Wesen
stets ein Phänomen gewesen,
denn ein aufgepumpter Ball
sorgt im Volk für Widerhall:
Bei den Jungen und den Alten
eint der Fußball und kann spalten.

Fußball ist so allerlei,
Folgendes ist auch dabei:
Fußball ist, wenn Spieler rennen,
manchmal Fans wie Kinder flennen,
weil der Ball, das blöde Ding,
in den falschen Kasten ging.
Fußball, das ist großer Trubel
und natürlich Siegesjubel.
Fußball bringt für Millionen
aufgewühlte Emotionen.
Fußball ist, wenn Trainer fluchen
und die Schuld beim Schiri suchen.
Fußball ist, wenn Knochen krachen
und die Fans „la ola“ machen.

Fußball ist auch medial,
fürs TV sehr genial,
denn die Übertragung bringt
Quoten, dass die Kasse klingt.
Fußball ist zu jeder Zeit
eben nicht nur Sportlichkeit.
Fußball hat so viel Facetten:
Auch getürkte Fußballwetten!

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Silvia Friedrich: Die Karottenbande

17. September 2010

Die Karottenbande
© Silvia Friedrich

Luise hat rote Haare. Die Kinder lachen deswegen und rufen oft „Karotte“ hinter ihr her.
Luise macht das sehr wütend. Sie schimpft und schreit und rennt und will dann am liebsten ganz schnell vom Kindergarten nach Hause. Luises Mutter versucht sie damit zu trösten, dass alle Menschen eben verschieden sind. Dass sie auf ihre roten Haare stolz sein sollte, denn die hat nicht jeder. Luise tröstet das nicht. Sie wünscht sich, dass ihre Haare schwarz sind oder blond, wie bei den anderen Kindern. Ihr Freund Mohammed ist mit seinen Eltern aus einem weit entfernten Land hergekommen. Woher genau, weiß Luise nicht. Aber sie findet Mohammed toll, weil er Kunststückchen mit einem Ball machen kann. Er will natürlich Fußballer werden, was sonst!
Die Kinder im Kindergarten sind nicht nett zu Mohammed, weil er nicht so gut Deutsch spricht wie sie. Und in seiner Sprache verstehen sie erst recht nichts.
Luise und Mohammed spielen jetzt immer zusammen.
Sie gründen eine Bande, die Karottenbande. Obwohl sie nicht so genau wissen, was eine Bande den ganzen Tag tun muss.
„Böse sein“, sagt Mohammed.
„Böse sein ist gut“, sagt Luise. „Eine liebe Bande, die gibt es bestimmt gar nicht.“
„Und kämpfen!“, ruft Mohammed.
„Ja“, meint Luise, „aber nicht den ganzen Tag!“
Mohammed ist wütend auf die anderen, weil sie ihn nicht mitspielen lassen beim Fußball. Sie überlegen beide den ganzen Vormittag, ob die Karottenbande da nicht was tun könnte.
Am nächsten Tag hat sich Luise ein neues Spiel ausgedacht.
Ein Geheimspiel. Genauer gesagt: eine Geheimsprache.
So können Mohammed und sie geheimste Karottenbanden-Geheimnisse austauschen und keiner weiß, was es bedeutet.
„Wir sagen einfach Stuhl, wenn wir den Tisch meinen“, sagt Luise.
Mohammed versteht: „Ja, und wenn wir Tisch sagen, meinen wir Stuhl.“
Luise ist erstaunt: „Toll, Mohammed. Jetzt denken wir uns noch andere Wörter aus und vertauschen sie.“
Beide sind emsig bei der Sache. Mohammed zeigt auf den Schrank und Luise sagt „Sofa“. Er zeigt auf das Bilderbuch und Luise sagt „Haus“. Der Teddy ist jetzt ein Eimer und die Puppe ein Blumentopf.
„Bring mir das Haus“, sagt Luise zu ihrem Freund und Mohammed holt das Bilderbuch. Beide müssen lachen.
„Stell den Eimer in das Sofa“, flüstert Mohammed Luise zu. Sie kichern.
„Leg das Haus auf den Stuhl“, prustet Luise los.
Beide können sich vor Lachen kaum halten. Die anderen Kinder sind neugierig geworden und kommen näher. Warum lachen die so?
„Hol mir ein Haus aus dem Sofa“, lacht Luise und Mohammed liegt schon flach auf dem Fußboden, weil er so kichern muss.
„Können wir mitspielen?“, drängeln die anderen.
Luise steht auf und wird ernst: „Nein. Diesmal wollen wir mit euch auch nicht spielen.“
„Und wenn wir euch nie mehr ärgern? Und Mohammed bestimmt immer beim Fußball mitspielen darf? Dürfen wir dann bei euerm Geheimspiel mitspielen?“
Luise guckt ihren Freund an. Der nickt.
„Also gut“, sagt Luise „dann werden wir euch jetzt unser Geheimsprachenspiel erklären.“
„Gemeinsam können wir uns noch viel mehr witzige Spiele ausdenken“, finden nun auch alle anderen.
„Ja, denn jeder hat verschiedene Ideen“, meint Luise.
„Wir könnten uns von jetzt ab „Die Gemüsebande“ nennen, weil wir alle verschieden sind!“, ruft Mohammed.
„Einverstanden!“, kichern die anderen und die Kinder überlegen noch lange, welches Gemüse ihnen denn nun am meisten ähnlich sieht. Dass sie dabei ganz viel gelacht haben, ist doch klar, oder?

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Alfons Pillach: Deutschland, ein Sommermärchen

30. Juni 2010

Deutschland, ein Sommermärchen
© Alfons Pillach

Fußball ist auf jeden Fall
mehr als nur ein Spiel mit Ball.
Er berauscht des Volkes Massen,
jeden Alters, aller Klassen.

Viele schwarz-rot-goldne Fahnen
ziehen stolz jetzt ihre Bahnen.
Selbst manch Spießer sitzt im Sessel
und tobt mit dem Hexenkessel.

„Public viewing“ ist jetzt Kult,
wobei man ein Bierchen schnullt.
Dort besiegt man manches Bier,
eines, zwei, vielleicht auch vier.

Wieder ist, nach nur vier Jährchen,
deutsches Land im Sommermärchen,
und im Schein der Fußballsterne
träumen wir den Traum so gerne.

Und im Lande von Mandela
dröhnt so laut die Vuvuzela.
Ein Gebrumme und Gelärme,
so als flögen Bienenschwärme!

Hoffen wir, wenn Deutschland spielt,
dass das Team den Sieg erzielt.
Hoffen wir, dass keiner patzt
und dass auch der Ball nicht platzt.

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Heidrun Gemähling: Vuvuzelas

17. Juni 2010

Vuvuzelas
(WM – Südafrika 2010)

© Heidrun Gemähling

Gnadenlos trötet
es aus der Masse,
sie findet es toll,
so superklasse,

oben und unten,
auch von der Seite,
manch einer sucht schon
sogar das Weite,

doch nur wohin soll
dieser denn gehen,
die Vuvuzelas
überall stehen,

begeisterte Fans
tröten immerzu,
wie Hornissen im
geschlossenen Schuh,

das Stadion tobt,
Hopsen und Tanzen,
keinem gelingt es,
sich zu verschanzen,

ein buntes Treiben,
gespannte Euphorie,
Menschen bedröhnen,
in der Art – noch nie,

so ist es der Brauch,
tröten und tröten,
die Vuvuzelas,
zum Nerv ertöten.

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WM-Tipp

6. Juni 2010

Fußball – Weltmeisterschaft – Südafrika – Fußballweltmeisterschaft – Tipp – WM-Tipp – WM – WM 2010 – Vorrunde – Vorrundentipp – Fußballspiele – Weltmeister – Fußballfieber – Fußballgeschichten – Fußball-Blog – WM-Gewinnspiel – Achtelfinale – Viertelfinale – Halbfinale – Endspiel


WM-Tipp – WM-Gewinnspiel


Nur noch ein paar Tage, dann ist es so weit: Am 11. Juni 2010 startet die Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika.

Früher war ich mal ein richtiger Fußballfan, aber seit etlichen Jahren interessiere ich mich so gut wie gar nicht mehr für Fußball. Eine Ausnahme bilden die Fußball-Europameisterschaften und die Fußball-Weltmeisterschaften, die ich mit einigem Interesse verfolge. Das heißt also: Alle zwei Jahre schaue ich mir ein paar Fußballspiele an.

Obgleich ich keine Ahnung über die aktuelle Fußballszene und die Spielstärke der einzelnen Mannschaften habe, wage ich mal einen WM-Tipp. Und diesen Tipp verbinde ich mit einem kleinen WM-Gewinnspiel. Was es zu gewinnen gibt, steht am Ende dieses Beitrags.

Die Spielregeln sind ganz einfach.
Es gibt Vorrunden-, Achtelfinal-, Viertelfinal-, Halbfinal- und Abschlusstipps. In jeder Tipp-Runde können Punkte gesammelt werden. Sieger ist, wer über alle Runden hinweg die meisten Punkte erreicht hat.

Wir starten logischerweise mit den
Vorrunden-Tipps

Die Aufgabe: Für jede Spielgruppe ist anzugeben, welche zwei Mannschaften das Achtelfinale erreichen, dabei spielt es keine Rolle, wer Gruppen-Erster und wer Gruppen-Zweiter wird. Für jede richtige Vorhersage gibt es einen Punkt.
Technischer Hinweis für Blog-Neulinge: Am Ende des Beitrags auf „Kommentar“ klicken, Tipp in das Eingabefenster eintragen und absenden.
Redaktionsschluss für diese Tipp-Runde ist der 10. Juni 2010, 24 Uhr.

Gruppe A
Südafrika, Mexiko, Uruguay und Frankreich.

Gruppe B
Argentinien, Nigeria, Südkorea, Griechenland

Gruppe C
England, USA, Algerien, Slowenien

Gruppe D
Deutschland, Australien, Serbien, Ghana

Gruppe E
Niederlande, Dänemark, Japan, Kamerun

Gruppe F
Italien, Paraguay, Neuseeland, Slowakei

Gruppe G
Brasilien, Nordkorea, Portugal, Elfenbeinküste

Gruppe H
Spanien, Schweiz, Honduras, Chile

Nach Abschluss der Vorrunde kommen die Achtelfinal-Tipps,
nach Beendigung des Achtelfinals kommen die Viertelfinal-Tipps,
dann die Halbfinaltipps
und dann die Abschluss-Tipps.

Wenn sich mindestens 10 Leute an diesem WM-Tipp-Spiel beteiligen, erhält der Sieger zwei Bücher eigener Wahl aus unserem Verlag und der Zweitplatzierte erhält ein Buch eigener Wahl aus unserem Verlag.


Und das sind meine eigenen Tipps:
Gruppe A: Frankreich und Südafrika
Gruppe B: Argentinien, Nigeria
Gruppe C: England, USA
Gruppe D: Deutschland, Ghana
Gruppe E: Niederlande, Dänemark
Gruppe F: Italien, Slowakei
Gruppe G: Brasilien, Portugal
Gruppe H: Spanien, Schweiz

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Thomas Gohlke: Berliner Mauerjungs

26. Mai 2010

Fußball – Fußballgeschichte – Ball – Berliner Mauer – Mauerfall – Mauerbau – Grenze – Mauerstücke – Mauergeschichte – Kurzgeschichte – Berlin – Großziethen – Trabi – Wartburg – Auto Union – Spielplatz – Bunker – Mutprobe – Berliner Mauerjungs


Berliner Mauerjungs
© Thomas Gohlke

Weil ich Hummeln im Arsch hatte, sprang ich am Frühstückstisch hin und her. Kasperte, alberte herum, machte Faxen und zog Grimassen, bis endlich alle lachten. Stieß mit meinem Ellenbogen den Becher mit dem heißen Kakao um und die Brühe lief mir über den nackten Oberschenkel. Gleichzeitig knallte es von rechts, denn ich fing mir eine Backpfeife meiner Mutter ein.
Ich schrie. Wusste nicht warum, ob wegen der Schelle oder wegen der Schmerzen auf dem Oberschenkel. Egal, ich schrie! Wie der Blitz sprang ich auf und rannte aus dem Haus über den Hof in unseren Garten.
Langsam ließ der Schmerz nach und meine Tränen trockneten. Ich suchte Trost bei meinem Kater, dem ich alles erzählen konnte. Er war grau-schwarz getigert und ich nannte ihn Dicker, weil er so dick war.
Mich nannte man Moppel, weil ich ebenfalls dick war.
Am Ende des Gartens stand ein roter Zaun und dahinter war ein weites Feld. Ich öffnete das Tor, um auf dem Feld mit meinem Kater zu spielen. Doch der Dicke büchste gleich aus und jagte Millionen fetter Mäuse. Ich ging zurück, holte meinen bunten Gummiball und spielte Fußball. Später kamen auch meine beiden älteren Brüder, um auf dem Feld Fußball zu spielen.
Dort versammelten sich die Kumpels aus der Umgebung. Sie wählten zwei Mannschaften, steckten zwei Tore ab, warfen die Lederülle in die Mitte und knödelten frei drauf los. Mich ließen sie links liegen. Ich war erstens zu dick, zweitens zu langsam und drittens viel zu jung.
So kickte ich den Ball vor mir her, gedankenlos, verträumt, nicht bei der Sache.
Bis mein schöner Ball mitten in den Grenzzaun flog.
Denn, was ich noch nicht erwähnte: an das Feld grenzte ein riesiger Stacheldrahtzaun. Ich rannte in das Stacheldrahtgewirr und versuchte meinen Ball herauszupopeln. Ich sah voller Entsetzen, wie das bunte Rund immer kleiner wurde. Mein Ball verlor Luft und somit auch sein Leben. Ich kroch in die Drahtfestung und riss mir meinen Oberschenkel auf. Ich starrte auf mein rotes, vom Kakao verbranntes Bein und sah, wie aus einem tiefen Riss das Blut quoll.
Ich humpelte übers Feld wie ein angeschossenes Reh. Am Gartentor empfing mich meine Mutter. Und als hätte ich nicht schon genug durchgemacht, zog sie mich an den Ohren durch den Garten bis in die Küche. Dort wurde ich endlich verarztet.
Anschließend gab es Stubenarrest. Nur zum Mittagessen durfte ich in den Garten, um meine beiden Brüder herbeizurufen.
Nach dem Mittag nahm mich meine Mutter zur Seite und erklärte mir zum wiederholten Male, warum dort im Feld so ein großer Zaun stand und dass ich auf keinen Fall in das andere Land gehen dürfe. Denn von dort käme ich nie wieder nach Hause. Verstanden habe ich es nicht.
Am Abend stand ich am Fenster meines Kinderzimmers, blickte übers Feld zum Grenzzaun und schaute noch weit darüber hinaus. Heute weiß ich, dass auf der anderen Seite Großziethen liegt.
Am nächsten Tag spielte ich wieder auf dem Feld, aber mit respektvollem Abstand zur Grenze. Auf unserem Spielplatz-Feld standen drei Autowracks herum. Ich glaube mich zu erinnern, dass es ein Trabi war, ein Wartburg und ein alter Auto Union. Ich saß gern in einem der Autos und lenkte wild herum, zappelte mit den Füßen und prustete mit dem Mund Motorengeräusche heraus. Ich fuhr dann meist in den Urlaub. Blickte mal nach rechts aus dem Autofenster und sah unser Siedlerhaus mit dem großen Garten. Links sah ich den Bunker, der seit dem Weltkrieg hier stand und den niemand abzuholen schien.
Dort spielten meine beiden älteren Brüder mit ihrer Horde Spielkameraden. Obwohl unsere Eltern uns auch ein Spielverbot für diesen Bereich erteilt hatten, erforschten alle gern das Innere des Betonklotzes. Nur ich durfte nicht mitkommen, weil ich der kleine dicke Moppel war.
Eine Mutprobe müsse ich machen, hieß es immer. Und heute war es so weit. Ich raffte mich zusammen, spazierte durch das hohe Gestrüpp, griff mal links nach unten, dann wieder rechts nach unten, um den auf dem wilden Feld herumliegenden Mut in meine Hosentaschen zu packen. Am Eingang des Bunkers hörte ich tief im Inneren die Stimmen der Großen und sah den Schein einer Taschenlampe. Gleich am Anfang führte eine Steintreppe ins dunkle Nichts.
Mein fünf Jahre älterer Bruder Manni kam nach oben. Er fragte, was ich hier wolle. Ich sagte: „Mitspielen, sonst sage ich Mama und Papa, dass ihr wieder im Bunker seid!“
Manni rief die anderen und sagte ihnen, dass ich vorhätte sie zu verpetzen, wenn ich nicht mit in den Bunker dürfe. Unser Nachbar Peter meinte: „Okay, aber du musst die Mutprobe machen!“ Gemeinsam stiegen wir auf einen Block oberhalb des Bunkers und ich musste von dort auf den kleinen Kiesberg nach unten springen. Es war sehr hoch! Doch wenn ich auch ein Großer werden wollte, musste ich springen. Bei der Landung verspürte ich einen stechenden Schmerz im Oberschenkel. Dort hatte sich eine riesige Scherbe reingebohrt.
Man erzählte mir, dass ich mit der Feuerwehr ins Krankenhaus gebracht wurde, weil ich wie ein angestochenes Schwein blutete. In jenem Sommer musste mein linker Oberschenkel sehr viel leiden und heute noch sieht man die Narbe meiner Mutprobe. Dennoch wurde ich im Kreis der Großen aufgenommen. Nicht weil ich gesprungen bin, sondern weil ich nach einer Vernehmung durch meine Eltern niemanden verraten habe.
Bevor der Sommer ging, passierte noch etwas Merkwürdiges an der Grenze. Die Jungs saßen auf einem Block oben auf dem Bunker und ich stand am Gartenzaun. Mit offenem Mund beobachtete ich das Schauspiel.


… die Fortsetzung dieser Geschichte gibt es in dem Buch

Mauerstücke

Mauerstücke – Erinnerungsgeschichten

Hrsg. Bettina Buske und Patricia Koelle
Vorwort Walter Momper
Geleitwort André Schmitz
Mit Farbfotos der Berliner Mauer
ISBN 978-3-939937-08-1

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Antonia Stahn: Träume, Wahrheiten, Lichter und Gestalten

21. Mai 2010

Träume, Wahrheiten, Lichter und Gestalten
© Antonia Stahn

„Wie lange dauert es denn noch? Mir ist schon langweilig!“
Nr. 10 steuert mit ruhiger Hand die winzige Raumkapsel durch das All.
Fasziniert betrachtet der Pilot den kleinen, blauen Planeten. Dort wollen er und sein CO heute landen. Die Wissenschaftler vom Trabanten XX haben diese blau schimmernde Weltkugel erst vor wenigen Tagen entdeckt. Nr. 10 ist stolz. Er darf zusammen mit Nr. 11 diesen neuen Planeten, genannt Erde, als Erster besuchen. Merkwürdige Wesen leben dort. Die Regierung von XX möchte mehr über sie erfahren. Der erste Wissenschaftler hatte auch gleich einen Namen für diese Zweibeiner parat: Menschen! Seltsames Wort. Kegel klingt doch viel hübscher.
„Sei nicht zickig, Nr. 11! Wir sind exakt 4 Minuten und zweiunddreißig Sekunden unterwegs. Da kann einem doch nicht schon langweilig werden! Schau aus dem Fenster! Die vielen Sterne. Sie leuchten heute besonders hell. Und die blaue Kugel, unser Reiseziel, sieht wunderschön aus. Du kannst jetzt alles klar machen zur Landung. In 28 Sekunden sind wir da. Wetten, die vom Nachbar-Planeten XS schaffen es nicht, mit ihren Fahrzeugen 300 Millionen Kilometer in so kurzer Zeit hinter sich zu bringen. Na, ja! Sie haben sich eben sehr viel langsamer als wir entwickelt. Wer fliegt denn heute noch in solchen altmodischen Raumschiffen durchs All?“
Nr. 11 verzieht die schmalen Lippen zu einem kurzen, spöttischen Lächeln. Dann setzt er zur Landung an.
„Ich glaube, das Navigationssystem funktioniert nicht richtig, Nr. 10! Dieser kleine grüne Fleck ist doch nicht unser Ziel!“
Verwundert sehen die zwei sich an. Zögerlich öffnen sie die Tür des gläsernen Raumschiffes, schauen sich ängstlich um.
„Der Zweibeiner ist aber klein. Er sieht auch völlig anders aus, als wir es studiert haben. Auf dem Info-Board wirkte er im Vergleich zu uns riesengroß“, flüstert Nr. 11 aufgeregt.
Beruhigend nimmt Nr.10 seinen Bruder kurz in den Arm. „Sei nicht so nervös. Der kleine Mensch kann uns nicht sehen. Unser Licht ist bei diesem Sonnenwetter noch gar nicht sichtbar. Hören kann er uns nur, wenn wir das wollen. Wir warten bis es dunkel wird. Dann kontaktieren wir ihn. Lass uns die Zeit nutzen, den Kleinen gründlich anzuschauen.
Lernphase II beginnt in diesem Augenblick, Nr. 11!“
Aufmerksam beobachten die fremden Wesen einen etwa acht- bis neunjährigen Jungen.
„Essen ist fertig! Der Vater ist auch schon da. Komm bitte in die Küche, Bub!“
Der Junge legt seinen Ball aus der Hand und geht ins Haus.
„Darf ich nachher noch mit Sepp und den anderen auf der Straße Fußball spielen? Es wird noch lange nicht dunkel, Mama, bitte! Mein Trainer möchte, dass ich jeden Tag übe. Sonst kann aus meinem kleinen Talent kein großes werden, sagt er oft.“
Der Vater streicht dem Jungen über das gewellte, dunkle Haar.
„Einverstanden. Bis 21.00 Uhr! Hast du deinen Peitschenkreisel wieder gefunden? Opa kommt morgen. Sicher fragt er danach. Dein Großvater legt großen Wert auf den pfleglichen Umgang seiner Geschenke. Jetzt iss nicht so hastig! Deine Freunde fangen sicherlich nicht ohne dich an.“
Nach dem Essen sucht der Kleine ziemlich oberflächlich nach dem Spielzeug. Er findet es nicht.
„Egal. Später schaue ich unter meinem Bett nach. Sicher ist der Kreisel dorthin gerollt.“
Nr. 10 und Nr. 11 sitzen wieder in ihrem Fahrzeug. Sie gleiten durch das Haus, schauen sich alle Räumlichkeiten an. Mit dem IS leuchten sie jedes Zimmer aus. Danach legen sie den Info-Stab an ihre Stirn. In Sekundenschnelle nimmt ihr Hirn die Botschaft auf. Jetzt wissen sie Bescheid. Die Menschen und deren Lebensart sind ihnen nun vertraut. Auch das Wort Fußball.
Pünktlich um 21.00 Uhr ist der Junge wieder da. Sehr verschwitzt. Sehr müde.
Im Zimmer ist es warm. Trotz seiner Müdigkeit kann der Achtjährige nicht einschlafen. Eine Weile steht er am Fenster. Allmählich verliert sich die Dämmerung in der Dunkelheit. Mit heißem Herzen wünscht sich der Kleine Sternschnuppen. Möglichst einen gewaltigen Schwarm.
Den braucht er schon. Eine winzige Schnuppe reicht sicher nicht. Der Wunsch ist allzu groß. Das Kind wagt kaum, ihn zu Ende zu denken. Nicht mal die Eltern wissen von seiner Sehnsucht.
„Guten Tag, Bub. Was stehst du da und träumst in die Welt hinaus? Lehne dich nicht zu weit aus dem Fenster. Hier sind wir! Auf deinem Nachtschränkchen. Komm her zu uns! Wir haben lange genug auf dich gewartet!“
Der Junge reibt sich die Augen, will nicht glauben, was sie sehen. „Das ist nur mein Kreisel dort auf dem Schränkchen“, beruhigt er sich. „Mama hat ihn bestimmt dort hingelegt.“
Merkwürdig! Geleuchtet oder gar gesprochen hat das Spielzeug bisher allerdings nicht.
Zaghaft versuchen zitternde Hände nach den Lichtpunkten auf der Konsole zu greifen.
„Lass es lieber bleiben! Unser Licht ist zu stark. Du könntest dich verbrennen. Komm, setz dich her zu uns. Wir müssen uns einander bekannt machen. Höflichkeit ist die erste Pflicht auf unserem Planeten.“
Verwirrt starrt das Kind auf die beiden winzigen Gestalten. Ähnlichkeiten mit den Figuren in den Comic-Heftchen kann er nicht entdecken.
„Nein, nein! Du träumst nicht. Wir sind real. Mit deinen Heftchen haben wir nichts zu tun. Die Figuren sind nur erdacht. Wir nicht!“
Langsam verschwinden Unglaube und Ängstlichkeit. „Wer seid ihr? Wo lebt ihr? Warum seht ihr so anders aus?“
Nr. 10 wedelt mit den feingliedrigen Händen. „Sachte an Bub! Immer der Reihe nach. Also: Mein Bruder und ich leben auf dem Planeten der Geometrie. XX nennen ihn eure Astronomen. Sie haben uns diesen Namen gegeben. Erforschen wollten sie uns zum Glück nicht. Du, kleiner Bub, bist der erste und wahrscheinlich auch letzte Mensch, mit dem wir Kontakt aufnehmen. Eigentlich sollte unsere Raumfähre ganz woanders aufsetzen. Ein Fehler im Navi hat uns in deinem Garten landen lassen. Macht nichts. Wir sind auf der Suche nach neuen Gesellschaftsspielen. Auf der Erde soll es viele geben. Sicher kannst du uns einige nennen und erklären. Dazu kommen wir später! Weshalb wir so aussehen, wirst du schnell verstehen. Geometrie sagt dir vielleicht etwas. Unsere Kultur ist hoch entwickelt. Geistig stehen wir weit über den Menschen. Wir brauchen ihre Körperlichkeiten nicht. Jede Familie kann ihre äußerliche Form selbst bestimmen. Unsere Eltern mögen den Kegel sehr. Andere Familien bevorzugen quadratische, rechteckige, runde, also jegliche Figuren der Geometrie. Dein Kreisel ist auch ein Kegel. Er liegt übrigens tatsächlich unter deinem Bett! Hm. Was wollte ich sagen? Ach ja. Unser Unterkörper ist ein auf den Kopf gestellter Kegel. Füße brauchen wir nicht. Meistens schweben wir. Ansonsten gibt die Spitze Halt und Standvermögen. Unsere Gesichter unterscheiden sich kaum von den Menschengesichtern, denke ich.“ Nr. 10 ringt nach Luft. So viel und so lange hat er seit Kegelgedenken nicht mehr geredet.
„Namen gibt es bei uns nicht. Nur Nummern“, fügt Nr. 11 schüchtern hinzu.
Flüchtig betrachtet der Junge sein Gesicht in der Fensterscheibe. Dann wendet er sich wieder den Fremden zu. Den Menschen ähnlich? Ganz sicher nicht! Nur die Augen, Nase und der Mund sind identisch. Der dreieckige Schädel der Winzlinge sieht schon merkwürdig aus. Lustig sind die Ohren. Wie kleine Windräder drehen sie sich. Mal langsam, mal sehr schnell.
Freundlich lächelt der Kleine seine phantastischen Gäste an.
„Toll, dass euer Raumschiff zufällig in unserem Garten gelandet ist! Wie lange dürft ihr auf der Erde bleiben? Können wir Freunde werden? Ich kenne eine Menge Spiele. Die sind schnell erklärt. Wieso sucht ihr ausgerechnet bei uns nach neuen Ideen? Die Bewohner des Planeten XX sind doch angeblich viel schlauer! Habe ich euch schon meinen Namen genannt?“ Schneller als sich die Windradohren drehen können, sprudeln die Sätze aus dem Mund des Kindes.
„Halt! Stopp, junger Freund. Deinen Namen kennen wir schon. Er gefällt uns. Bub klingt sehr schön. Weich und warm hat ihn die Menschenfrau ausgesprochen. Ein Glück, dass wir bei dir gelandet sind. Du siehst sehr nett aus. Klug bist du wahrscheinlich auch. Schön und klug! Diese Kombination soll es nur sehr selten auf eurem Planeten geben – hat man uns informiert. Natürlich sind wir hochintelligent. Durch die Intelligenz leben wir. Manchmal ist das sehr anstrengend. Etliche Familien unseres Planeten sehnen sich häufig nach einfacher Beschäftigung. Unsere Spiele sind oft allzu be- und errechnet. Kaum jemand hat noch Freude daran. Etliche Planeten im Universum haben Nr. 11 und ich besucht. Überall dasselbe! Kalte, strenge Intelligenz. Freundliche Gesichter oder ein fröhliches Lächeln sind uns nie begegnet. Die Erde war und ist unsere letzte Station…,“
„Psst! Sei bitte still, Nr. 10! Meine Mutter kommt herauf. Sie will mir „Gute Nacht“ sagen. Am besten, ihr versteckt euch draußen unter dem Fensterbrett. Mama glaubt nicht an Außerirdische. Das überlässt sie den Jungen-Phantasien, sagt sie immer.“
Eine Viertelstunde später sitzen die beiden Leuchtkegel auf der Bettdecke des Jungen.
„Deine Mutter ist genau so lieb wie unsere“, seufzt Nr. 11. Heimweh macht sich breit. Verlegen wischt sich der Kegel ein paar Tränen aus den riesigen Augen.
Schnell ist die Trauer vergessen. Konzentriert hören Nr. 10 und Nr. 11 ihrem neuen Freund zu. Augenblicklich haben sie die Regeln der Brettspiele verstanden. „Mensch ärgere dich nicht“ gefällt ihnen besonders gut. Auch das Mogeln beherrschen sie fast perfekt.
„Morgen zeige ich euch noch mehr. Ich bin sehr müde. Leider haben wir noch keine Ferien. In der Schulzeit muss ich immer sehr früh aufstehen. Ihr könnt gerne in meiner Schublade hier übernachten.“
Schläfrig deutet der Bub auf sein Nachtschränkchen.
„Wenn sie in der Früh noch da sind, habe ich wirklich nicht geträumt“, murmelt er schläfrig.
Eine Weile lauschen die Kegelkinder den regelmäßigen Atemzügen des Jungen. Dann schauen sie sich noch einmal die Regeln der Spiele an. Mit dem Info-Stab nehmen sie Zeile um Zeile auf. Ein kurzes Tippen an die Stirn und schon ist das Wissen auf ewige Zeit gespeichert.
„Schade! Doch nur geträumt!“
Enttäuscht schiebt der Bub am nächsten Morgen die Lade wieder zu. In der Schule ist er nicht besonders aufmerksam. Immerzu denkt er an seine ‚Traum-Freunde‘.
„Bist du taub? Du sollst heute mit zum Training kommen! Herr Oberleitner zählt auf dich.“
Ganz schön schmerzhaft, so ein Stoß in die Rippen. Aber der Achtjährige ist seinem Freund Sepp nicht böse.
„Tut mir Leid, Sepp! Ich habe dich nicht gehört. Klar, komme ich! Holst du mich gegen 15.00 Uhr ab? Bis dahin bin ich mit den Schulaufgaben fertig. Vorher darf ich eh nicht raus. Du kennst ja meine Mama!“
Nachdenklich kaut der Kleine an seinem Füllfederhalter. Die letzte Rechenaufgabe. Acht mal neun – ist? So schwer kann das doch nicht sein!
„Zweiundsiebzig“, wispert eine helle Stimme plötzlich.
Vorsichtig dreht der Bub seinen Kopf zur Seite. Sie sind wieder da! Nicht zu glauben. Fröhlich hüpfen die kleinen Wesen über das Rechenheft.
„Na, hast du nicht erwartet, dass wir wieder kommen!? Heute Nacht sind wir zu unserem Planeten zurück geflogen. Die neuen Spiele vorstellen. Alle haben sich gefreut und uns sehr gelobt. Der Ältestenrat hat nach dem Spiel der Spiele verlangt. Fußball wird es genannt. Du und niemand sonst sollst es uns beibringen. Kennst du dich denn gut aus im Fußball, Bub?“
Aufgeregt nickt der Junge. Er freut sich sehr über die Rückkehr der wundersamen Kerlchen. Selbstverständlich wird er ihnen sein Lieblingsspiel beibringen.
„Gleich muss ich zum Training, eh, Fußball-Training, mein ich. Ihr könnt gerne mitkommen. Sicher werdet ihr die Regeln in ‚null Komma nix‘ verstanden haben. Auf dem Fußballfeld sind viele Menschen. Hauptsächlich Freunde von mir. Dürfen die euch sehen? Verstecken kann man sich dort nämlich nicht.“
Nr. 10 und Nr. 11 wackeln mit den großen, dreieckigen Köpfen.
„Kein Problem, mein Lieber! Außer dir sieht uns kein Mensch. Wir lassen die Leuchtkraft im Sonnenlicht untergehen. Wenn das Spiel beendet ist, setzen wir uns in deinen Turnbeutel, einverstanden?“
„Zu den Kleinen gehörst du ja nicht mehr. Wie alt bist du, mein Junge?“
„Acht, aber am elften September werde ich neun Jahre alt. Stolz reckt sich der Junge, schaut seinen Übungsleiter erwartungsvoll an.
„Ich denke, du spielst ab heute in der Gruppe der 9- bis 10-Jährigen.“
Wohlgefällig schaut der Mann dem Jungen nach. „Aus dem Kurzen wird einmal ein Großer. Da bin ich mir sicher. Mittelfeld oder Abwehr. Beides wird ihm liegen. Sogar zum Libero reicht es. Schaunwermal! Ich gebe ihm das Trikot mit der Nr. 5. Er hat’s auch im Kopf, nicht nur in den Füßen. Immer wenn ich das Kerlchen sehe, juckt mein rechtes Ohr. Und immer wenn mein rechtes Ohr juckt, weiß ich, dass mir ein Talent gegenüber steht. Auf mein Ohr kann ich mich jeder Zeit verlassen.“
Springen, schweben. Ausgelassen turnen die Kegelkinder über die Bettdecke. „Mensch, Bub. Das war ein tolles Spiel! Danke, dass du uns mitgenommen hast. Schwer zu verstehen ist es auch nicht. Nur mit der Abseitsregel haben mein Bruder und ich noch Schwierigkeiten. Sicher hast du eine Spielanleitung. Die möchten wir gerne noch lesen, geht das?“
Eifrig klettert der Junge aus seinem Bett. Irgendwo im Bücherregal steht ein kleines Buch. „Fußball leicht gemacht“, oder so ähnlich lautet der Titel.
Gebannt verfolgt der Bub den Info-Stab. Seltsam. Es sieht aus, als würden sich die Buchstaben von den Seiten spiralförmig in den bunten Stab drehen.
„So, fertig!“
Nur einige Sekunden wird der IS an die Stirn gehalten. Die Regeln sofort gespeichert.
„Weshalb machst du so ein trauriges Gesicht, Bub? Möchtest du auch so einen Stab? Leider beherrschen die Menschen diese Technik noch nicht. Es wird noch Jahrzehnte dauern bis sie etwas Vergleichbares erfunden haben. Ihr nutzt die Möglichkeiten der Wellen und Strahlen zu wenig.“
Der Junge ärgert sich ein wenig über Nr. 10’s selbstgefällige Miene. „Also, ganz so dumm sind wir nicht! Schließlich haben wir schon eine Menge technische Dinge erfunden. Mein Radio hier ist doch Klasse. Und seit einigen Jahren gibt es Fernseher. Sie können Bilder aus allen Ländern der Erde übertragen. Flugzeuge und Raketen haben wir schon lange. Eines Tages werden die Wissenschaftler auch Raumschiffe bauen, da bin ich mir sicher! Möglicherweise können wir damit bis zum Planeten XX fliegen. Wer weiß?!“
Vorsichtig streichelt Nr. 10 dem erbosten Kind die Wange.
„Tut mir Leid, Bub. Kränken wollte ich dich nicht. Du hast Recht. Alles können wir natürlich auch nicht. Keinem unserer Erfinder ist so ein spannendes Spiel wie Fußball eingefallen. Oder die Brettspiele. Schach gefällt mir ungemein gut. Komm, sei nicht mehr böse. Sag mir bitte, weshalb du vorhin so traurig warst? Ich möchte es wirklich wissen!“
Minutenlang bleibt es still im Zimmer. Ernst schaut der Kleine die Kegel an. Sein verlegenes Räuspern bringt die Freundschaft zu den Fremdlingen zurück.
„Also. Ach, ich weiß nicht! Nicht mal Mama habe ich von meinem Wunsch etwas gesagt. Ihr wisst ja jetzt, dass es in diesem Jahr eine Weltmeisterschaft im Fußball gibt. Alle vier Jahre wird um den Titel ‚Weltmeister‘ gekämpft. Leider bin ich noch viel zu klein. Klar, dass ich nicht mitspielen kann. Aber zusehen könnte ich. Die Reise in die Schweiz ist sehr teuer. Ebenso die Eintrittskarten. Also fällt Zuschauen auch aus. Heute ist das Endspiel Unser Land gegen die Ungarn. Stellt euch vor! Wir sind im Endspiel! Wir können Weltmeister werden! Schade! Oh, wie gern würde ich dieses Spiel sehen! Meine Eltern gehen heute ins Nachbarhaus. Dort steht schon ein Fernseher. Wir Kinder sind nicht eingeladen. Zum Glück darf ich mir das Spiel im Radio anhören. Traurig bin ich gar nicht mehr. Mit euch zusammen höre ich mir die Übertragung gerne an.“
Wieder wackeln die dreieckigen Köpfe der Leuchtkegel. Sehr leise, sehr aufgeregt flüstern die Kerlchen miteinander. Schneller als ein Ventilator drehen sich die Windradohren.
„Entschuldige, dass wir dieses Mal in unserer Sprache geredet haben, Bub. Tun wir immer, wenn es um Wichtiges geht. Wann beginnt das Spiel? In einer halben Stunde? Dann sind wir wieder zurück. Warte auf uns!“
Gespannt sitzt der kleine Fußballspieler vor dem Radio. Er hört die Nationalhymnen. Der Radiosprecher schildert sehr anschaulich die Atmosphäre im Stadion. An die Außerirdischen denkt der Junge im Augenblick nicht.
Erschreckt schaut er sich um als Nr. 10 ihn mit einem enorm langen IS auf die Schulter klopft.
„He, bitte her sehen! Hier ist die Lösung deines Problems! Du wirst nicht nur hören, sondern auch sehen.“
Nr. 10 und Nr. 11 schwingen gemeinsam den Info-Stab. Einige Sekunden lang sind die Lichtkreise an den Wänden und an der Decke zu sehen. Dann richtet sich der helle Lichtstrahl auf die Tür neben dem Bord mit dem Radio.
Nicht zu glauben! Auf der Türfläche erscheinen plötzlich sich bewegende Bilder.
Der Kleine sieht das Stadion in Bern. Gerade hat der Schiedsrichter das Spiel angepfiffen.
„So etwas gibt es nicht, weiß ich genau! Aber hinsehen muss ich. Wie haben die Kegel das nur gemacht? Ach, egal! Ich frage nicht!“
Stolz lächeln Nr. 10 und sein Bruder ihren Freund an.
Jetzt ist nur das Spiel noch wichtig. Zum Schluss feuern sie die Fußballer lautstark an. Sie überschreien sogar die Stimme des Reporters.
„Mensch, Rahn, hau rein, das schaffst du!“, ruft Nr. 11.
Überglücklich liegen die drei sich in den Armen. 3:2! Ein kleines Wunder, Fußballwunder, sagt man später, ist geschehen.
Bis zum Abend sprechen die aufgeregten Kinder über das Spiel. Immer wieder beschreiben sie die mitreißenden Momente.
„Oh, ich glaube die Eltern kommen heim. Leider müsst ihr euch wieder verstecken. Nachher unterhalten wir uns weiter, OK?“
„Nein, wir müssen uns nicht verstecken. Noch heute wollen wir zu unserem Planeten zurück. Alle warten auf uns und das neue Spiel. Danke für deine Hilfe Bub! Mein Bruder und ich möchten dir eine Kleinigkeit schenken.“
Nr. 10 drückt dem Jungen kurz den Info-Stab an die Stirn.
„Möge dich unser Licht stets beschützen. Es wird dir helfen, all deine Ziele zu erreichen.“
Eine innige Umarmung und schon schwebt das gläserne Raumschiff durch die Nacht. Der Junge steht am Fenster. Traurig sieht er den immer kleiner werdenden Lichtpunkten nach.
Aus dem ‚Buben‘ ist ein sehr erfolgreicher und in der Welt bekannter Fußballspieler geworden. Heute ist er 60 Jahre alt. Sein Leben nach wie vor mit dem Fußball verbunden.
Menschen, die ihn erlebt oder kennengelernt haben, nennen ihn selten bei seinem Namen. Sie nennen ihn ‚Kaiser‘, oder wohlwollend ‚Lichtgestalt‘.


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Buchtipp

Max und Mäxchen
Antonia Stahn
Max und Mäxchen
Kindergeschichten für große und kleine Leser
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-7-4

„Zärtlich streichelt der Vater seinem Sohn über die blonden Locken. Dann setzt er die Lesebrille auf und erzählt …“ Und immer wenn der Vater eine Geschichte erzählt, ist der Sohn ganz still und hört aufmerksam zu.
Der Vater Max und sein Sohn Mäxchen – das sind die beiden Helden aus dem Buch „Max und Mäxchen. Kindergeschichten für große und kleine Leser“.
Zwölf Geschichten der Autorin Antonia Stahn entführen große und kleine Leser in eine heile Familienwelt, nach der sich heutzutage viele Menschen sehnen. Vater und Sohn erleben gemeinsam alltägliche Abenteuer. Und jedes Mal erzählt der „große“ Max dem „kleinen“ Max eine Tiergeschichte. Da sind zum Beispiel Don Loxo, der Elefant und Galba, die Riesenschildkröte, Susa, das Hausschwein und Eccu, das schottische Hochlandpony. Die spannenden und unterhaltsamen Geschichten vermitteln nicht nur interessante Informationen über das Leben der Tiere, stets geht es auch um Werte wie Freundschaft, Solidarität und Hilfsbereitschaft.
Die Geschichten wurden von der Mediengestalterin und Künstlerin Sibylle Rencker liebevoll illustriert. Durch das harmonische Zusammenspiel von Bild und Text bereitet das Buch einen Genuss beim Lesen und Zuhören sowie Freude beim Betrachten.

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Didier: Babas Balle

10. Mai 2010

Babas balle
© Didier

Man kann beim besten Willen nicht behaupten, dass er ein besonders sympathischer Junge war, der kleine Baba. Dafür war er viel zu sehr von sich selbst überzeugt und das, was man eine große Klappe nennt, gesellte sich, wie meistens in solchen Fällen, noch dazu. Er war nicht der typische Loser und das wusste er. Und ich auch. Wenn ich mir meine Volleyballmannschaft zusammenstellte, sicherte ich mir gern Babas Künste. Zugegeben, er spielte zu eigensinnig, drosch den Ball immer gleich rüber anstatt „passe“ zu spielen, wie das Zuspiel auf Französisch heißt. Aber im Gegensatz zu den anderen Kleinen, die unbedingt immer mitspielen wollten, bekam er den Ball wenigstens über das Netz. Seine Selbstsicherheit half ihm dabei. „La balle m’aime et moi, j’aime la balle!”, erklärte mir Baba mit stolz geblähter Brust einmal nach einem wunderbar herausgespielten Punkt. Ich sehe ihn noch heute vor mir: seinen meist unbekleideten, drahtigen Oberkörper, seine kurzen, schwarzen Locken, sein breites, weißes Grinsen, seine schmuddelige kurze, rote Sporthose. Schwer zu sagen, wie alt Baba war, vielleicht zehn. Die afrikanischen Kinder bleiben ja oft länger klein und schmächtig, weil die Reisgerichte manchen Wunsch des wachsenden Kinderkörpers unerfüllt lassen. Aber zum Volleyballspielen reichte es allemal.

Ich sehe auch die anderen noch alle vor mir, diesen „Kindergarten“, die versammelte Jugend von acht bis achtzehn aus der Nachbarschaft des Centers, wie sie hinter dem Haus auf dem steinigen Acker baggerten und pritschten, auf jenem unebenen Spielfeld, das ich im September in einer schweißtreibenden Sammelaktion erst bespielbar gemacht hatte. Die dicken, roten Felsbrocken und die vielen kleineren Steine, die ich aufgesammelt hatte, liegen vielleicht heute noch als großer Haufen an der Rückseite des Hauses. Ich sehe auch noch vor mir, wie Baba, Martin oder Maldini – ihre richtigen Namen habe ich nie gekannt – den Ball über die hohe, graue Mauer auf das Nachbargrundstück droschen. Und Baba wohnte da irgendwo und kannte die Leute. Er war es meist, der dafür sorgte, dass der Ball bald wieder auftauchte. „Je vais checher la balle“, rief er selbstbewusst und peste über den Basketballplatz zum Haupteingang des Peuple de l’Injil um vor Ort nach dem Ball zu forschen. Meist kam „la balle“ dann in hohem Bogen über die Mauer geflogen und das Spiel ging weiter. „La balle“ – das französische Wort ist ja mit dem deutschen „Ball“ nicht ganz bedeutungsgleich, denn „la balle“ heißt eigentlich Kugel und „ballon“ ist der Ausdruck für „Ball“, aber jeder, der schon einmal im französischsprachigen Afrika gewesen ist, wird bestätigen können, dass afrikanisches Französisch seine eigenen Gesetze hat, über die jedes Mitglied der Académie Française nur die Hände überm Kopf zusammenschlagen kann.

Volleyball war übrigens nur eines der Freizeit-Angebote, die unsere protestantische Missions-Außenstelle, die wir, dem muslimischen Gepräge von Conakry gemäß, als Peuple de l’Injil bezeichneten, für die Jugendlichen des Viertels bereithielten. Der Name ist ein französisch-arabischer Mix und bedeutet so viel wie „Volk des Evangeliums“. Die Nennung des arabischen Begriffs „Injil“ fungiert dabei als Wink mit dem Zaunpfahl und sollte in etwa folgende Botschaft übermitteln: „Schaut euch euren Koran mal genau an. Wir kommen auch drin vor!“ Die amerikanischen Missionare, mit denen ich zusammenarbeitete, und ich, die deutsche Aushilfskraft, benutzten freilich lieber den einprägsameren und viel kürzeren Ausdruck Center. Und das war es ja auch, dieses Haus mit Unterrichtsräumen, einem Lesesaal, der sonntags zum Gottesdienstraum wurde, Tischfußball, einem Garten, einer Tischtennisplatte, Basketball- und eben dem von mir eigenhändig ins Leben gerufenen Volleyballplatz: eine Anlaufstelle, ein Jugendtreff, ein Zentrum gegen Langeweile und Alltagsfrust. Dass sich mit Küche, Bad und Schlafzimmer auch meine Privatgemächer in diesem Haus befanden, war für die meisten reine Nebensache und ich als Betreuer des Centers eine zwar beliebte, aber letztlich austauschbare Figur. Das bekam ich vor allem dann zu spüren, wenn ich meiner Hauptaufgabe, Englischunterricht für Erwachsene, nachging und deswegen der Spielbetrieb in den späten Nachmittagsstunden ruhte. Da gab es manchmal wüste Klagen und Beschwerden, wie man ihnen denn den Zutritt verweigern konnte! Auch Baba, frech und vorlaut, wie er war, forderte gern sein Recht ein, die Spielanlagen benutzen zu dürfen, das er mit dem Erwerb der Peuple de l’Injil-Mitgliedskarte für den eher symbolischen Preis von umgerechnet einem Dollar uneingeschränkt und auf Lebenszeit zuerkannt bekommen zu haben meinte.


… die Fortsetzung dieser Geschichte gibt es in dem Buch



Erzähl mir was von Afrika
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-2-9


Afrika – dunkel, geheimnisvoll und faszinierend.
Dieses Buch enthält eine Auswahl der besten Beiträge zum Kurzgeschichtenwettbewerb „Afrika“.
14 Kurzgeschichten zeigen die Faszination des „Schwarzen Kontinents“ aus unterschiedlichen Perspektiven. Geographisch umspannen sie den Kontinent von Nord nach Süd und von West nach Ost, von Ägypten bis Südafrika, von Guinea bis Kenia. Auf der Zeitachse reichen die Geschichten von den Anfängen der Menschheit bis in die Zukunft. Sie erinnern an dunkle Kapitel der Vergangenheit und sie beleuchten das afrikanische Alltagsleben und Probleme der Gegenwart.

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Kathrin Sehland: Schwule Fußballer

6. Mai 2010

Der schwule Fußballer
© Kathrin Sehland

Schon als er am Morgen die Augen aufschlug spürte er, dass heute der Tag gekommen sein würde. Heute fühlte er sich stark. Heute empfand er Selbstbewusstsein. Heute würde er endlich die Kraft und den Mut aufbringen können, um seinen Kameraden ganz trocken zu sagen: „Ich bin schwul.“
Ohne Wenn und Aber, frei von der Leber weg. Gut, er lebte in einer männerdominierten Welt, Profifußballer. Aber nachdem, was in den letzten Wochen alles passiert war, schien sich viel zu verändern. Es geriet etwas in Bewegung, was keiner je zuvor erwartet hätte. Das Feingefühl für die speziellen Eigenheiten eines jeden Menschen, seinen Befindlichkeiten war gewachsen. Die Welt, auch die Fußballwelt, schickte sich an, Verständnis zu zeigen. Selbst Depressionen konnten inzwischen fast ohne Einbußen eingestanden werden. Die Vereine, Manager, Mannschaftsleitungen, Spieler und selbst die Fans waren so einsichtig, dass so ein bisschen Schwulsein doch auch kein Problem mehr darstellten dürfte.
Er stand vor dem Spiegel und kontrollierte, über das Gesicht streichelnd das Resultat seiner Rasur. Glatt, babyglatt. Mit etwas Spucke fixierte er seine Brauen. Zufrieden lächelte er sich zu. Dann schickte er einen Kuss gen Spiegelbild und zeitgleich küsste dieses scheinbar zurück.
Mit einem flotten Griff schnappte er sich seine Sporttasche und fuhr zum Training. Aus dem Player seines Jaguars ertönte sein Lieblingslied: „Schwule Mädchen“. Im Takt wippte sein Oberkörper vor und zurück und zum Refrain trällerte er lautstark mit.
Er war so gut drauf, wie seit langem nicht mehr. Einen besseren Tag für sein Coming-out hätte er sich nicht vorstellen können.

Dennoch holten ihn immer wieder leise Zweifel ein. Er blinzelte in die Sonne. Schwulsein war nun wirklich nicht schlimm, eigentlich alltäglich, in der heutigen Zeit. Und er erinnerte sich an die Forschungsergebnisse aus der Antarktis. Seit herausgefunden wurde, dass sogar Pinguine gleichgeschlechtliche sexuelle Bindungen eingingen, war es bewiesen und normal, jedenfalls für ihn. Wieso nur hatte er so lange geschwiegen? Gut, Schwulsein galt als Verweichlichung, als Belästigung. Aber bisher hatte er doch bewiesen, dass er nicht nur ein guter, sondern ein ausgezeichneter Spieler war. Und nur das zählte. Er war nicht weich. Gut, das konnte er zwar auch sein, aber nicht auf dem Spielfeld. Da war er ein harter Hund, sich nicht zu schade ist, mal kräftig reinzutreten, natürlich nur wenn es sein musste. Dafür entschuldigte er sich aber auch jedes Mal mit einem leichten Klopfen, auf Schulter, Rücken oder einen sachten Klaps auf den Po. Bei dieser Vorstellung musste er schmunzeln, sah geradewegs diesen neckischen kleinen, dennoch straffen Fußballerhintern vor sich. Vielleicht trat er auch deswegen so gern mal in die Beine, wegen dieser netten Entschuldigungen? Nein, diesen Gedanken schob er schnell beiseite, so wollte er nicht sein.

Schwule Pinguine! Er lachte, schüttelte ungläubig den Kopf und versah ganz kreativ die Musik aus dem Player mit einem neuen Text. Lauthals sang er: „Schwule Pinguine.“
An der Ampel neben ihm hielt ein Auto mit zwei jungen Damen. Winkend sahen sie zu ihm herüber, lachten und machten ihm schöne Augen. Scheinbar hatten sie ihn erkannt. So ziemlich alle in der Stadt kannten die Gesichter der erfolgreichen und umjubelten Fußballmannschaft. Und alle würden heute erfahren, dass er schwul war. Auch die beiden Damen da drüben.
Wieder ereilte ihn die Nachdenklichkeit. Was würde wohl die breite Öffentlichkeit meinen? Die Zeitungen würden darüber berichten, das war klar. Aber wie? Schließlich waren es auch die Medien, die die Begriffe Schwuchtel, Warmer oder Tunte publizierten und sich wie Geier darauf stürzten, so bald mit einer schwulen Story Geld zu verdienen war.
Wie würde es auf dem Fußballfeld selbst, nach seiner Offenbarung sein? Würde er weiterhin bei einem Freistoß ganz unbedarft in der Mauer zwischen seinen Jungs stehen können? Gerade da, wenn die Hände schützend die Männlichkeit abdeckten, diese geradezu einen Blickfang bot und damit Sexualität ins Bewusstsein rief?
Wie würde es sein, wenn sie sich nach einem Treffer ungestüm küssend in den Armen liegen würden? Würde er noch genau so geherzt werden oder würden unsichtbare Schranken nur ein Schulterklopfen erlauben? Und würde er noch einen Platz finden, in der von Spielern und Zuschauern besonders beliebten Fußballraupe? Er überlegte, welche Position er in der Raupe noch einnehmen könnte. An erster Stelle würde er sein Hinterteil den anderen direkt gen Gesicht recken. Das wäre ungünstig. Als Letzter könnte es den Schein erwecken, als schwänzele er den Jungs hinterher. Und mittendrin? Als könnte er den Hals nicht voll genug bekommen.
Würden die Damen auch noch winken, wenn er bereits seine wahre Sexualität zugegeben hätte? Wenn sie wüssten, dass sie bei ihm keine Chance hätten, jedenfalls in sinnlicher Hinsicht. Würden sie auch dann so freundlich zu ihm herüber winken? Leise stiegen Zweifel auf.
Er ließ die Seitenscheibe herab und reichte den beiden zwei Autogrammkarten von Fenster zu Fenster. Wer weiß, ob man sie noch mal als loyale Fans gebrauchen könnte.
Eine größere Freude hätte er ihnen nicht bereiten können. Sie quiekten vor Vergnügen, schauten auf das Bild, sein Bild, mit seiner Unterschrift und bedankten sich unentwegt. Ganz aus dem Häuschen waren die beiden.
Diese tiefe Freude und Sympathie konnte nicht allein deswegen sein, weil er scheinbar ein Heteromann war. Nein, die Zuneigung war seiner selbst Willen, wegen seines Fußballkönnens. Das konnte gar nicht anders sein. Sie mochten ihn als Spieler einer standhaften Elf, an deren Erfolg er doch so großen Anteil hatte.
Irgendwie fiel ihm gerade ein Stein vom Herzen. Glückstrahlend und in seinem Outing- Willen bekräftigt, fuhr er mit quietschenden Reifen davon.

Die Umkleidekabine füllte lautes Stimmengewirr und sie begrüßten ihn mit einem Hallo!, Handschlag oder einem freundlichen Kopfnicken. Er war froh, hier zu sein, hier unter seinen Kameraden. Kameraden, die zu ihm standen, wie es in einer Elf sein muss. Elf Freunde sollt ihr sein. Und das waren sie.
Beim Umziehen betrachtete er schon mal den einen oder anderen. Aber nicht aufreizend oder schmachtend. Nein, ganz normal. Gut, hin und wieder stieg schon mal die Sehnsucht nach einer Liebelei auf. Aber ganz im Ernst, er hätte nie was angefangen. Wie auch, wenn keiner davon wusste, dass er auf Männer stand. Vielleicht gab es ja noch einen unter ihnen, der von seinem heutigen Coming-out profitieren würde. Vielleicht würden sie dann zu zweit sein. Zu zweit, als Schwule in einer Fußballmannschaft. Rein diese Vorstellung erheiterte ihn und ließ ihn bis über beide Wangen grienen.
Er sah in die Runde. Alles aufgeklärte Männer, die mitten im Leben standen, neutral gegenüber Vorurteilen. Er war stolz auf seine Mannschaft.
Lautstark unterbrach der Trainer das Stimmengewirr, bat um Gehör und verkündete die geplanten Trainingseinheiten.
Der Trainer. Ein Mann mit Prinzipien, mit Ausstrahlung, guten Führungseigenschaften, Verständnis und tief reichender Menschlichkeit. Ein Mann, der voll hinter seinen Jungs stand, mit allen Fehlern und Schwächen. Er würde auch hinter ihm stehen bleiben, fest wie eine Eiche.
Mit: „In fünf Minuten auf dem Platz!“, beendete der Trainer seine Anweisungen.
Der Augenblick für das Eingeständnis schien günstig. Jetzt würde er den Jungs offenbaren, dass er anders war, als ein normaler Mann, dass er ein schwuler Fußballspieler war. Einer mit Erfolg und einer von ihnen, einer auf den die Mannschaft auf keinen Fall verzichten konnte. Ein Garant für ein siegreiches Spiel. Ein Meister seiner Klasse, ein Experte auf seiner Spielposition. Ein Fußballer mit Hirn, taktischem Vermögen und weitsichtigem Denken. Er war ein Kicker mit Talent, ein Ballzauberer. Und ein Kamerad, einer mit Loyalität über den Profifußball hinaus. Er war ein Freund, der Freund der ganzen Mannschaft.
Um sich Gehör zu verschaffen, klatschte er kräftig in die Hände und obwohl einige noch redeten hob er mit lauter Stimme an: „Ich wollte euch heute etwas, mir besonders am Herzen liegendes mitteilen. Etwas, was für mich unendlich wichtig ist. Ich habe lange gebraucht, doch heute fühle ich den Tag gekommen. Ich mach’s kurz. Liebe Kameraden, ich bin schw“.
Da brach er seine Rede abrupt ab. In der Umkleidekabine herrschte bestürzte Stille. Stille, wie auf einem Friedhof, oder als würde frisch gefallener Schnee sämtliche Geräusche verschlucken. Eiseskälte breitete sich aus. Er blickte in die Runde der wohlbekannten Gesichter seiner Fußballfreunde. Eins nach dem anderen schaute er sich an. Neugier und entsetztes Erwarten spiegelten sich wider. Er spürte, wie sich seine Knie in weiche Gummigelenke verwandelten, so als stünde er kurz vor einem Elfmeterschuss, spürte, wie sich ein feuchter Film auf seiner Stirn ausbreitete, wie seine Wangen zu fiebern begannen, wie sein Puls raste. Ihm war klar, dass er den Satz zu Ende bringen musste. So offen, ohne Aussage konnte er ihn nicht stehen lassen. Das würde zu viele Fragen offen lassen. Er musste die Sache abschließen.
Stockend und mit zitternder Stimme sprach er weiter: „Kameraden, ich bin Schwedenfan.“
Sekunden der Stille folgten. Schulterzuckend und entschuldigend fügte er hinzu: „Tja, mir gefällt einfach die, wenn auch etwas erfolglose Spielweise der Schweden.“
Das unangenehme Schweigen wurde von einem erleichterten Aufatmen, was sogleich in ein erfreuliches Lachen überging, abgelöst. Im Nu hatte sich die Akustik der Umkleidekabine wieder in das alte Stimmengewirr verwandelt.
„Hey, das ist doch nicht so schlimm. Ich bin Islandfan.“
Dabei legte man ihm freundschaftlich den Arm um die Schulter.
Ein anderer packte sein Gesicht freudig mit beiden Händen: „Ich dachte schon, du bist schwul!“, gab ihm erleichtert einen dicken Schmatz auf die Wange und wuschelte ihm kurz durchs Haar.
„Nein, nein.“, versuchte er verlegen zu scherzen.

Mit hängenden Schultern hörte er, wie das Klackern der Fußballstollen im langen Gang der Umkleidekabinen sanft verhallte. Allein blieb er zurück. Ganz allein. Er hatte es nicht geschafft, seinen Kumpels, seinen besten Freunden die Wahrheit zu sagen. Zu sehr erschütterten ihn die entsetzten Gesichter derer, die er für aufgeklärt, für tolerant hielt. Er hatte es nicht fertig gebracht. Und jetzt?
Er hielt inne und dachte über sein Leben nach. Bisher war es doch ganz gut gelaufen. Warum nicht einfach so weiter machen? Stand dem etwas entgegen, nur weil er dieses eine Wörtchen nicht auszusprechen vermochte?
Er schnaubte einen kräftigen Luftstoß durch die Nase und pfiff so auf sein Bekenntnis. Im Leben ist es eben wie im Fußball. Ein Spiel gewinnt, das andere verliert man. Und nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Alte Fußballerweisheiten! Und er war Fußballer, durch und durch, auch wenn er schwul war. Warum sollte er sein Innerstes jedem preisgeben? Er hat doch eine Persönlichkeit, und die war nur wegen des Schwulseins nicht schlechter als die von Heteros. Was geht es die anderen an, wenn er nun mal Männer mehr liebte, als die Frauen. Nichts.
Er richtete sich auf, zupfte seine Trainingsshorts zurecht und rannte in maskulinen Schritt hinaus auf den Platz, auf dem Männer sein müssen, wie Männer normalerweise sind.

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Susanne Weinhart: Vermächtnisse

12. April 2010

Der Mann der vergewaltigt wurde

Leseprobe aus dem Buch

Der Mann, der vergewaltigt wurde
und andere Geschichten
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-8-1




Vermächtnisse
© Susanne Weinhart

Ich wusste nicht, ob ich meine Eltern vorbereiten sollte. Die ganze Fahrt nach Regensburg kämpfte es in mir, schlugen ein paar aufgepumpte Bälle gegen mein Gewissen, dieses mit den Jahren immer großmaschigere Tornetz. Allerdings traute ich meinem Großvater alles zu. Auch, dass er mich angelogen hatte. Foul an der Mittellinie quasi.

Es war schneeflockenstill im Auto, zu still für vier Personen. Der Tod hatte die Familie gestreift, besucht, hatte mitgenommen. Wieder etwas für seine calciumreiche Trophäensammlung. Mein Vater schaltete nervös das Radio an. Aus. An. Aus. An. Was hatten die auszackenden, sinusförmigen Kurven des Displays zu sagen, in nekrologischer Hinsicht? Viel. Nichts. Vor allem Yeah-Yeah-Yeah. Ich hatte Schwierigkeiten, an den Großvater zu denken. Der Stadionlärm fehlte, seine akustische Hängematte, das alte Radio in der Küche, das noch mit dicken Batterien lief und gebirgsbachartig rauschte. Davor war er bei meinen letzten spärlichen Besuchen immer gesessen, meistens waren es knarzige Cassettenaufnahmen von „Heute im Stadion“, ich betrat das gelbe, niedrige Zimmer und wurde mit einem „Pssscht“ begrüßt und einem herrischen Kopfnicken, das besagte: Sofort hinsetzen und wontorragenaue Spielanalyse. Lass die Eckfahnen flattern. Dann saßen wir zwei da, während die Eltern mit der Großmutter in Richtung Steinerne Brücke spazieren gingen, mit anderen Worten: vor der Versteinerung in die Versteinerung flohen. Großvater drehte wild an der Antenne herum, schrie gegen den tor-tor-toaaarrr-schreienden Gebirgsbach an und sprach jedem Spieler des FC Bayern nach ein paar bebenden Sekunden die Bundesligareife ab. So etwas wie ein guter Spieler existierte nicht mehr. Als das Spiel vorbeigerauscht war, haute der Großvater auf das scheinbar geschrumpfte Radio und grummelte in seinen getigerten Jesusbart hinein.

„So wird das nie was“, meinte er ingrimmig.

„Aber das Spiel war doch von 1997“, entgegnete ich.

„Egal – so wird das nie was. Dortmund ist denen auf den Fersen.“

„Nicht diese Saison.“

„Egal – denk an Dortmund. So wird das nie was.“

Dortmund war für meinen Großvater das, was Carthago für den alten Cato war, der seine Reden im Senat mit einem „Ceterum censeo Carthaginem esse delendam“ beendete. Dortmund war der Feind, der jederzeit in einer dunklen Ruhrpott-Ecke lauerte, um über den FC Bayern im Hunnenritt herzufallen und deswegen dringend auf 40 Punkte Abstand gehalten werden musste. Am besten wäre natürlich Exil gewesen, sprich: 2. Bundesliga, persönliches Utopia. Der gelb-schwarze Mund aus „Dort-Mund“ war zu groß, zu gefräßig. Der BVB-Gewinn der Champions League 1997 klumpte sich in Großvaters gebeutelter Gefühlswelt zu Black Friday, Waterloo und Untergang der Titanic in einem zusammen. Ich glaube, getröstet hat ihn damals nur die Tatsache, dass Ottmar Hitzfeld danach als Trainer bei Bayern München anheuerte. Davon versprach er sich einiges, um den „Mund“ des „Kohlekumpelvereins“ zu stopfen.

Furchtbare Tiefs fielen nach jedem Spiel, unabhängig vom Ausgang, über den Großvater her, und ich war jedes Mal erleichtert, wenn meine Eltern nebst Großmutter zurückkamen und das zähe Gespräch in Richtung fleischiges Abendessen und Sabine Christiansens „Lattenzaunbeine“ lenkten. Lattenzaunbeine, ein Wort, das ich nur in der Von-der-Tann-Straße hörte, danach nie mehr.

„Da seid ihr ja wieder, wie Falschgeld“, hieß er sie willkommen und schaute drei Minuten grübelnd in den sperrangelweit aufgerissenen Kühlschrank, bis ihn die Großmutter an seinem rot-blauen Deutscher-Meister-FCB-Schal wegzerrte, bevor er mit den in Hamsterkäufen erworbenen eingeschweißten Goudaecken jonglieren konnte, was er in fußballerischer, tranceartiger Erregung gerne tat: „Abmarsch!“

Der Abschied fiel unwirsch und grummelig aus und in den im Flur zu wabern beginnenden Küchendunst hinein, meine Eltern waren beide berufstätig und drängten zur Heimfahrt, was mein Großvater jedes Mal persönlich nahm, sodass er beide ab den ersten Aufbruchssignalen komplett ignorierte und mich für alle Zeiten verdorben sah. Zumal mein Vater schüchterner Fan von 1860 München war, ein Verräter in der eigenen Familie. Er könnte den genetischen Defekt weitergeben – out of Regensburg.

„Nimm das mit Dortmund nicht auf die leichte Schulter, Mädchen“, riet er mir dann bitter, „die kommen aus dem Nichts.“ Ich musste damals manchmal ziemlich dumm geschaut haben. Vorsichtig blickte ich nach allen Seiten, was da alles aus dem Nichts käme. Dortmund – das war die Allmetapher für die Dinge im Leben, die am Tor vorbeiliefen.

die vollständige Geschichte gibt es in dem Buch

Der Mann, der vergewaltigt wurde
und andere Geschichten
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-8-1

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Martina Decker: Fußballträume

12. April 2010



Fußballträume
© Martina Decker

Warm scheint die Frühlingssonne durchs Fenster in sein Zimmer.
Jan kritzelt eilig das Ergebnis der letzten Rechenaufgabe ins Heft. Er will zum Bolzplatz. Dort treffen sich jeden Nachmittag die Jungs zum Fußball spielen.

Jan träumt davon, einmal ein großer Fußballstar zu sein. So einer wie der Beckham oder van Robben. Er würde dann bei Real spielen oder bei ManU, in der Bundesliga mit den Bayern Meister werden. Und natürlich würde er in der Nationalmannschaft für Deutschland die wichtigen Tore schießen.
Jans Blick geht zu dem großen Poster an der Wand über seinem Bett: Jogi Löw und die Nationalelf. Sie lachen ihn an.
Jan hat auch so ein Trikot. Das hat ihm Oma zu Weihnachten geschenkt. Die Nummer 10 – Podolski. Leider! Gewünscht hatte er sich „den Ballack“.
Aber Oma ist abergläubisch und hat gesagt, dass die 13 Unglück bringt.

Jan seufzt, während er seine alten Turnschuhe anzieht und den Klettverschluss fest zuzieht. Wahrscheinlich darf er heute eh wieder nicht mitspielen.
Der dicke Richard hat nämlich zu seinem Geburtstag letzte Woche einen echten Lederball geschenkt bekommen. Seitdem ist er der Chef auf dem Bolzplatz und teilt die Mannschaften ein. Jan darf nur noch zugucken.
„In meiner Mannschaft und mit meinem Ball spielen keine Zwerge! Du kannst dir doch noch nicht einmal alleine die Schuhe zubinden“, hatte Richard gemeint und ihn weggeschubst.
Die anderen hatten betreten zu Boden gesehen. Von den anderen Jungs war keiner bereit, ihm zu helfen. Jeder hatte Angst, Richard würde auch ihn nicht mehr mitspielen lassen.
Feiglinge!

Mit einer Wasserflasche und einer Tüte Bonbons macht Jan sich auf den Weg. Der Bolzplatz liegt am Ortsrand hinter einer hohen Hecke.
Die anderen sind schon da. Sie stehen in einer Reihe und Richard teilt die Mannschaften ein. „Du bei mir … du … du auch … du nicht …“ Mit lang ausgestrecktem Zeigefinder deutet er auf die Auserwählten.

Sehnsüchtig schaut Jan auf das runde Leder unter Richards rechtem Fuß. Vielleicht würde gleich während des Spiels jemand den Ball weit ins Aus treten. Dann konnte er hinlaufen, ihn wenigstens einmal in die Hand nehmen und vorsichtig zurück aufs Spielfeld schießen.

„Anstoß!“, brüllt Richard und dribbelt geschickt seinen Gegenspieler aus. Schnell steht er vor dem gegnerischen Tor. Lutz hüpft aufgeregt hin und her. Er ist ein schlechter Tormann. Daran ändert auch das tolle Torwarttrikot nichts. „Diesmal halte ich ihn!“, ruft er Richard zu. „Der geht nicht rein!“
Richard lacht laut. „Das glaubst du doch wohl selbst nicht.“

Gerade, als er so richtig abziehen will, grätscht Michael ihm von hinten in die Beine. Richard stürzt wie ein gefällter Baum zu Boden.
„Foul! Foul!“, schreit Jan entrüstet von der Seitenlinie.
„Quatsch! Ich habe den Ball gespielt!“ verteidigt sich Michael. Versöhnlich hält er Richard seine Hand hin. „Echt, das war kein Foul!“
Aber Richard ist sauer. Zornig schlägt er Michaels Hand aus und betrachtet sein aufgeschrammtes Knie. „Wo ist mein Ball!“, schreit er wütend. Die anderen sehen sich suchend um.
„Hier!“ Mit beiden Händen hält Jan ihm den Ball hin. „Ist ein klarer Elfer für dich!“, meint er und hält tapfer Richards Blick stand. Ob der ihn jetzt verhauen wird, weil er seinen Ball angefasst hat?
Richard schaut im ersten Moment erstaunt, dann aber grinst er breit. „Seh’ ich genauso. Kleiner. Bist scheinbar doch ganz ok und hast Ahnung!“ Er hält ihm die Hand hin. Jan legt den Ball zur Seite und hilft Richard auf. Gehört alles zum Fair Play! Genauso machen es die Jungs in der Bundesliga auch.
Richard schaut ihn von oben herab an. „Willste mitspielen?“
Jan nickt. Vor Überraschung bekommt er kein Wort heraus.
„Dann mal los!“ Richard greift sich den Ball und schaut die anderen an. „Gut, Jungs! Es geht weiter. Micha, du bist raus.“
„Was? Aber ich … Richard, das ist …“ Michael ist sich keiner Schuld bewusst.
„Halt die Klappe!“, raunzt Richard ihn an. „Der Kleine spielt jetzt mit!“ Er humpelt zum Elfmeterpunkt. Lutz spuckt in seine Handflächen und reibt sie aneinander. Die anderen bilden einen Halbkreis um das Tor. Michael bleibt etwas abseits am Spielfeldrand stehen. Richard hat noch nie einen Elfer verschossen.
„Pass auf, Lutz!“, ruft Richard dem Tormann zu, als er sicher ist, dass alle zusehen. „Gleich spürst du nur noch einen Lufthauch.“

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